Am Ende war es viel weniger knapp, als viele gedacht haben: Zwei Drittel der Sozialdemokraten, die am Mitgliedervotum teilgenommen haben, haben sich für die große Koalition entschieden. Und das, obwohl die parteiinterne Kritik an einem erneuten Bündnis mit der Union so stark war wie noch nie – und selbst erfahrene Beobachter innerhalb und außerhalb der SPD bis zum Schluss zweifelten, ob das was wird mit der dritten großen Koalition unter Angela Merkel. Was bedeutet diese Entscheidung? Drei Lehren aus dem Mitgliedervotum:

Die SPD bleibt sich treu

Für ein neues Bündnis mit der Union stimmten am Ende 66 Prozent der Sozialdemokraten. Das ist weniger als beim Mitgliederentscheid 2013, als die Zustimmung zur großen Koalition noch 76 Prozent betrug. Damals hatte der damalige Parteichef Sigmar Gabriel seine SPD beherzt und zielstrebig in das Bündnis mit der Union geführt und beim Mitgliedervotum ein souveränes Ergebnis erhalten. 

Dieses Mal war die Situation eine andere: Die SPD war nach der Bundestagswahl klar auf Oppositionskurs und war in den vergangenen Wochen in einer große Krise, aber sie hat sich stabilisiert: Noch im Januar hatten – unter der Führung des geschwächten Martin Schulz – nur 56 Prozent der Delegierten des Sonderparteitags ihrer Führung überhaupt die Aufnahme von Koalitionsverhandlungen erlaubt.

Die Delegierten auf dem Bonner Parteitag waren kritischer als die Genossinnen und Genossen an der Basis, von denen sich viele zuletzt eine stabile Regierung wünschten. In der SPD war außerdem zu hören, dass der Koalitionsvertrag Zweifler in der Partei überzeugt hat: Schließlich hat die SPD-Führung da in den finalen Verhandlungen noch einiges reinverhandeln können.

Die SPD-Mitglieder sind am Ende sich und ihrer Historie treu geblieben: Wieder einmal haben sie sich in die Pflicht nehmen lassen und Verantwortung für das Land übernommen, obwohl viele befürchteten, dass es der Partei mittelfristig eher schaden als nutzen könnte. Aber anders als 2013 gibt es im Bundestag keine linke Mehrheit mehr, die SPD kann nur mit der Union regieren oder konservativer Politik zuschauen. Ein Grund für das klare Ergebnis war außerdem die Angst vor Neuwahlen: Dabei, so glaubten viele Sozialdemokraten, hätte ihre verunsicherte Partei nur noch mehr verlieren und die Rechtspopulisten zulegen können.

Die Zweifler machen die SPD stark

Die Parteiführung darf nun nicht den Fehler machen und das Ergebnis zu einem "Weiter so" umdeuten. Denn die Gegner der großen Koalition haben nicht verloren. Viele Sozialdemokraten, die mit Ja gestimmt haben, haben die Kampagne von Juso-Chef Kevin Kühnert durchaus wohlwollend verfolgt. Kühnert sprach aus, was viele denken: Es kann nicht ewig so weitergehen mit der großen Koalition. Die deutsche Sozialdemokratie braucht dringend neue Visionen und Alternativen zur bisherigen Politik.

Der Mitgliederentscheid über die Regierungsbildung hat der Partei nicht nur ihre unterschiedlichen Sichtweisen vor Augen geführt, er hat die SPD auch vitalisiert. Der Prozess hat der Partei allein im noch jungen Jahr 2018 24.000 Neumitglieder beschert. Viele Sozialdemokraten und Sozialdemokratinnen erzählten begeistert von einer neuen Diskussionskultur in den Ortsvereinen und auf Regionalkonferenzen.

Es ist eine Dynamik, von der die designierte Parteichefin Andrea Nahles und der kommissarische Vorsitzende Scholz schon angekündigt haben, sie für sich nutzen zu wollen. Es geht nun darum, die Gegner einzubinden und nicht zu frustrieren. Schließlich haben sie der von Machtkämpfen eingespannten Parteiführung in den Koalitionsverhandlungen einen entscheidenden Verhandlungsvorteil verpasst: Nur weil Nahles, Scholz und Martin Schulz mit einem Nein der Mitglieder zur Regierungsbildung drohen konnten, hat die SPD als 20 Prozent-Partei viel durchgesetzt und sich das prestigeträchtige Finanz- und Außenministerium gesichert.

Die Zweifler haben die SPD stark gemacht. Doch ihre Macht kann leicht das Gegenteil bewirken: Die Stimmung in der Partei bleibt auch nach dem Mitgliederentscheid kippelig. Viele Genossen plagen Zukunftsängste, sie haben außerdem das Vertrauen in ihr Spitzenpersonal verloren. Seit sich Martin Schulz aus Sicht vieler Genossen von der Hoffnung der Abgehängten zum vermeintlichen Hinterzimmerkarrieristen wandelte, ist erneut deutlich geworden, dass die neue Parteiführung dringend die wahrgenommene innerparteiliche Kluft zwischen oben und unten schließen muss.

Nahles und Scholz haben sich kurzfristig als gute Krisenmanager bewiesen. Sie haben die von Martin Schulz schwer enttäuschte und wütende SPD in die große Koalition geführt. Nun müssen sie beweisen, dass sie die noch recht diffusen Forderungen nach "Erneuerung" ernst nehmen: Die designierte Partei- und Fraktionschefin Andreas Nahles will offenbar bewusst außerhalb der Regierung bleiben und kein Ministeramt übernehmen. Nun muss sie Ideen entwickeln, mit denen die SPD die nächste Bundestagswahl gewinnen kann. "Zeit für mehr Gerechtigkeit", der Slogan von 2017, erschien vielen unkonkret und langweilig. Es ist eine riesige Herausforderung, eine Partei zusammenzuführen, die den von Abstiegsängsten geplagten Arbeiter und den liberalen kosmopolitischen Großstädter integrieren will.