Auf dem Kottbusser Damm, der Grenzregion zwischen den Berliner Bezirken Kreuzberg und Neukölln, gesäumt von türkischen Gemüseläden und Spätkauf-Kiosken, fahren am Donnerstagnachmittag mehrere Dienstlimousinen vor. Die designierte SPD-Chefin Andrea Nahles, Noch- und Wieder-Ministerin Katarina Barley und die Neuköllner Bezirksbürgermeisterin Franziska Giffey wollen über den Frauentag diskutieren. Franziska wer? Die Reporterinnen und Reporter sind vor allem wegen der 39-Jährigen gekommen.

Im Laufe des Tages ist durchgesickert, was Nahles und der kommissarische SPD-Vorsitzende Olaf Scholz eigentlich erst am Freitag in einer Pressekonferenz verkünden wollten: wer Minister in der neuen großen Koalition wird, wer nicht mehr dabei ist. Auf der Bühne versammeln sich also drei Frauen, die in den kommenden Jahren das Profil der SPD mitprägen werden: Nahles, die sich im April zur Parteichefin wählen lassen will, Barley, die Ministerin bleiben wird, und eben Franziska Giffey, bisher verantwortlich für 300.000 Berlinerinnen und Berliner in dem berüchtigten Bezirk Neukölln. Sie soll neue Bundesfamilienministerin werden. Das ist sicher die größte Überraschung auf SPD-Seite im neuen Kabinett.

Giffey kommt zu Fuß zur Frauentagsveranstaltung. Als Bürgermeisterin hat sie es ja nicht weit. Im Saal läuft Jazz, Kellner balancieren Sekttabletts durch den Raum. Giffey wirkt vergnügt und entspannt, flüstert mit ihrer künftigen Kabinettskollegin Barley. Falls die 39-Jährige aufgeregt ist: Sie lässt es sich nicht anmerken. Dabei liegt vor ihr, die bisher nur Kommunalpolitik gemacht hat, ein großer Karrieresprung.

Zum Glück der Parteiführung erfüllt Giffey gleich drei Kriterien, die der SPD bei der Auswahl der Ministerinnen wichtig waren: Sie ist ein neues Gesicht für die Bundespolitik. Sie stammt aus Frankfurt an der Oder, ist also eine Ostdeutsche, die bisher im Kabinett noch fehlte. 

Deftige Ansagen und Fürsorge

Außerdem arbeitet sie in einem Berliner Stadtteil, in dem jeder Vierte von Hartz IV lebt und viele Menschen mit Migrationshintergrund wohnen. Sie kennt, um es mit Sigmar Gabriel zu formulieren, das "Leben da, wo es laut ist; da, wo es brodelt; da, wo es manchmal riecht, gelegentlich auch stinkt". Giffey, deren politischer Ziehvater ihr Vorgänger Heinz Buschkowsky ist, spricht über die Zustände in ihrem Neukölln sehr direkt. Ihr Ziel ist es, Neukölln zum Vorbild für Integration zu machen, ohne, wie sie sagt, die Augen vor der Realität zu verschließen. Das ist ihre dritte wichtige Qualifikation.

"Wir haben Bewohner, die sprechen auch nach 30 Jahren nicht die deutsche Sprache. Sie kommen hier klar, aber sie leben in ihrer eigenen Welt", sagte Giffey kürzlich in einem Interview. "Und das ist nicht gut." Im vergangenen Jahr regte sie eine "Nulltoleranzpolitik" gegen arabische Familien an, die in Neukölln für organisiertes Verbrechen verantwortlich gemacht werden. Als der Vertreter einer muslimischen Gemeinde ihr nicht die Hand reichen wollte, schimpfte Giffey, das sei "respektlos".    

Als Bürgermeisterin hat Giffey immer versucht, Jugendliche durch Bildung und Konzepte gegen Jugendkriminalität aus schwierigen Milieus herauszuholen. Als Familienministerin könnte sie sich deutschlandweit um den abgehängten Nachwuchs und die Probleme der Alleinerziehenden kümmern.

Bei ihrem Auftritt am Frauentag spricht Giffey über den Frauenmärz in Neukölln, über Aktionen, Mädchen in Neukölln zu stärken. Giffey sagt, die Mädchen aus dem Viertel brauchen Vorbilder. Und es wird klar, dass sie sich für eines davon hält: "Manchmal ist es auch eine kleine Revolution, wenn die Bürgermeisterin weiblich ist." Sie wirkt noch etwas unsicher neben den beiden geübten Spitzenpolitikerinnen. Aber als sie über die Benachteiligung von Kindern aus sozial schwachen Familien spricht, wird ihre sonst leise und sanfte Stimme fest und laut.

Das ist die Hoffnung, die die SPD mit ihr verbindet: Dass Giffey mit einer Mischung aus deftigen Ansagen und Fürsorge das Profil der Partei für die sozial Benachteiligten schärfen kann.

Welchen Job bekommt Barley?

Für diplomatischere Töne ist Katarina Barley zuständig. Sie kommt aus dem Landesverband Rheinland-Pfalz und hat seit dem Jahr 2015 in der SPD eine steile Karriere hingelegt: Zuerst Justiziarin der SPD-Bundestagsfraktion stieg sie zur Generalsekretärin auf und wechselte im vergangenen Sommer ins Familienministerium. Barley, deren Vater Schotte ist, ist an der SPD-Basis sehr beliebt. Nachdem sie sich auf einer Fastnachtsveranstaltung in der Heimat etwas ungeschickt als Außenministerin ins Gespräch gebracht hatte ("Ich bin die Allzweckwaffe der SPD"), wurde sie auf Twitter von zahlreichen Genossen in Schutz genommen. Sie widmeten ihr den Hashtag #StillLovingKatarina.

Viele halten es für wahrscheinlich, dass die Juristin neue Arbeitsministerin wird. Als die bisherige Ministerin Andrea Nahles im Februar Fraktionschefin wurde, übernahm Barley das Amt kommissarisch. Sollte sie dort weitermachen dürfen, würde sie über den mit 138 Milliarden Euro größten Etat im Bundeshaushalt wachen und wäre zuständig für Rentenpolitik, Arbeitsbedingungen und die Veränderung der Arbeitswelt durch die Digitalisierung – alles zentrale Themen für die Sozialdemokraten.

Die Personalie Barley hat die Partei allerdings am Donnerstag noch nicht bestätigt. Möglich ist auch, dass sie – wohl auch entgegen ihrer eigenen Erwartung – Justizministerin wird. Qualifiziert dazu wäre die ehemalige Mitarbeiterin am Bundesverfassungsgericht, aber das Amt wäre weniger prestigeträchtig als das Arbeitsministerium.  

Die dritte SPD-Spitzenfrau im Kabinett wird wohl aus dem mächtigen Landesverband Nordrhein-Westfalen kommen. Gehandelt wird die dortige Generalsekretärin Svenja Schulze, eine Parteilinke, die erst kürzlich mit Parteikollegen "mehr Haltung" von ihrer Partei einforderte. Umweltministerin Barbara Hendricks, ebenfalls aus Nordrhein-Westfalen, wird dem neuen Kabinett nicht mehr angehören. Daher wird Schulze als neue Umweltministerin gehandelt. Viel Erfahrung auf dem Gebiet hat sie nicht – Schulze war bislang Wissenschaftsministerin in Nordrhein-Westfalen.