Nun sitzt also eine Kohle-Gewerkschafterin im Chefinnensessel des Bundesumweltministeriums. Eine Frau, die Mitglied der IGBCE ist, jenes Lobbyvereins, der wie kaum ein Zweiter in diesem Land für die Verstromung aus besonders klimaschädlicher Braunkohle trommelt. Ist das der endgültige Sieg der fossilen Industrie über die Energiewende? Das Aus für Klimaschutz in Deutschland? Locker bleiben!

Svenja Schulze als Ressortchefin des neu zugeschnittenen "Ministerium für Umwelt, Naturschutz und nukleare Sicherheit" zählt gewiss zu den größeren Überraschungen in der neuen Bundesregierung. Ein schneller Blick in die Biographie könnte zu ebenso schnellen Schlüssen führen: Die Sozialdemokratin stammt ausgerechnet aus dem Kohleland Nordrhein-Westfalen, auf ihrer Website findet man gleich zwei Mal bemerkenswert rückwärtsgewandte und aus meiner Sicht höchst fragwürdige Aussagen, laut derer es der CO2-Einsparung dienlich sei, neue "effiziente" Kohlekraftwerke zu bauen. Obendrein ist die 50-Jährige bis auf ein Intermezzo als umweltpolitische Sprecherin ihrer Fraktion im nordrhein-westfälischen Landtag bisher mit Nachhaltigkeitspolitik rein gar nicht in Erscheinung getreten, also auch noch fachfremd. Himmel, hilf!

Aber Vorsicht vor Schnellschüssen! Auch Barbara Hendricks war 2014 die Ministerin, die keiner kennt und die in ihrer Zeit als SPD-Schatzmeisterin zu Umweltthemen verdächtig laut geschwiegen hatte. Auch Hendricks stammt aus NRW, auch Hendricks ist Mitglied der IGBCE. Nach einer Übergangszeit hatte sie es jedoch geschafft, das Fundament für ihren Ruf als ökologisches Gewissen im Kabinett Merkel III zu errichten, das ihr beim Abschied fast wehmütiges Lob für ihre Arbeit auch von Umweltbewegten eintrug.

Nun mag mancher vielleicht einwenden, dass dieser Vergleich einen entscheidenden Haken hat: Es ist nicht ausgeschlossen, dass Hendricks, die laut Interview mit der Süddeutschen Zeitung gerne weitergemacht hätte, auch deshalb von Svenja Schulze beerbt wird, weil sie zu unbequem geworden war. Im Angesicht der drehbuchreifen Bruchlandung, die die alte Bundesregierung beim Klimaschutz und mit der Preisgabe der Klimaziele für 2020 hingelegt hat, nervte sie nicht nur die Kanzlerin, sondern auch die eigene Partei durch immer freimütiger zum Ausdruck gebrachte Unzufriedenheit. Die signalisierte sie im Rahmen des Dieselskandals auch Richtung Autoindustrie und im Streit um die Wiederzulassung von Glyphosat in Richtung Pflanzenschutz-Lobby und CSU.

Geeigneter als zum Beispiel Toni Hofreiter

Was aber dafür spricht, dass Schulze sogar mehr Erfolg als Hendricks haben wird: Sie hat überhaupt keine Wahl. Ihre wichtigste Aufgabe wird die Einleitung des Kohleausstiegs sein, die Schaffung einer Kohle-Kommission ist bereits verabredet. Und auch wenn der Koalitionsvertrag wenig Hoffnung macht, dass es ansonsten schnell zur Sache geht: Sich an dieser Stelle zu drücken hieße, auch die CO2-Minderungsziele für 2030 und 2050 und damit Deutschlands Unterschrift unter das Pariser-Abkommen obsolet zu machen. Eine Blamage, die es – zumal wenn Gesellschaft und Medien die Arbeit der Regierung kritisch begleiten – kaum geben wird.

Angesichts dieser Unumgänglichkeit kommen wir zum eigentlich zentralen Grund dafür, dass die Personalie Schulze auch ein Glücksfall sein könnte. Ein Blick in die jüngere politische Geschichte zeigt, wie wichtig das Aufweichen von Lagergrenzen für umstrittene Projekte ist. Es fällt schwer zu glauben, dass ein grüner Verteidigungsminister so geräuschlos die Wehrpflicht hätte abschaffen können wie der konservative zu Guttenberg oder ein schwarz-gelbes Kabinett gegen die versammelte Phalanx aus Linken und Gewerkschaften die Hartz-Reformen hätte auf den Weg bringen können.

Beim Kohleausstieg geht es um viel Geld, Jobs und Steuereinnahmen in zumeist strukturschwachen Regionen. Eine Umweltministerin, der auch Kohle-Freunde eine Affinität für ihre Belange nicht absprechen können, ist viel geeigneter, diesen Wandel zielführend zu moderieren, als zum Beispiel ein Toni Hofreiter es wäre. Gut also, dass die neue Umweltministerin einen Mitgliedsausweis der Kohle-Gewerkschaft hat. Dass Schulze darüber hinaus noch Mitglied des Naturschutzbunds Nabu und damit für die Protagonisten auf der anderen Seite vielleicht doch irgendwie anschlussfähig ist: Umso besser.

Noch etwas Anderes spricht dafür, dass Svenja Schulze erfolgreiche Umweltpolitik machen wird: Barbara Hendricks wurde in den vergangenen Jahren beim Kohleausstieg zuallererst vom eigenen Parteichef Sigmar Gabriel aus dem Wirtschaftsministerium heraus behindert. Schulzes potenzielle Gegenspieler – oder auch Mitstreiter – beim Projekt Klimaschutz im Kabinett heißen diesmal Peter Altmaier und Andreas Scheuer und gehören beide zur Unionsfraktion. Wenn Schulze sich von ihnen die Butter vom Brot nehmen ließe, anstatt sich durch konsequentes Beharren auf den Belangen ihres Ressorts auch parteipolitisch zu profilieren, wäre ihr nicht mehr zu helfen. Und es würde auch nicht zu Schulze passen, die in ihrem Job als NRW-Wissenschaftsministerin gegen den geballten Willen der Rektoren ein neues Hochschulgesetz durchgebracht hat.

Zähigkeit und Unbeirrbarkeit sind Tugenden, die gerade bei Umweltthemen vonnöten sind. Zugleich ist man ohne Kompromiss- und Gesprächsbereitschaft im Umweltressort einer schwarz-roten Regierung hoffnungslos verloren. Svenja Schulze wird jedenfalls wissen, dass man als Kohle-Lobbyistin in diesem Amt keine Geschichte schreibt.

Eine erste progressive Personalentscheidung hat sie schon getroffen: Staatssekretär Jochen Flasbarth, der Architekt von Hendricks Klimaagenda, die auch dem Pariser Gipfel zum Durchbruch verhalf, darf bleiben. Könnte schlimmer sein.