Sechs Monate nach der Bundestagswahl hat eine Mehrheit der Abgeordneten im Bundestag CDU-Chefin Angela Merkel zum vierten Mal zur Kanzlerin gewählt. Dass Merkel 35 Stimmen weniger bekam, als Union und SPD Stimmen im Bundestag haben, wertete der FDP-Vizechef Wolfgang Kubicki als "kein gutes Zeichen". Das Abstimmungsergebnis zeige, "dass die große Koalition eigentlich eine kleine Koalition ist". Einige SPD-Abgeordnete hätten ja schon öffentlich erklärt, sie würden Merkel nicht wählen, sagte Kubicki. Mit Sicherheit gebe es auch Abweichler aus der Union.

Für Merkel votierten 364 Abgeordnete, gegen sie stimmten 315 Abgeordnete, neun enthielten sich. Die Abstimmung im Bundestag war zwar geheim, doch machte FDP-Chef Christian Lindner nach der Abstimmung keinen Hehl aus seiner Entscheidung: "Ich habe Frau Merkel nicht gewählt und das ist auch kein Geheimnis." Seine Partei teile nicht die politische Richtung, die jetzt eingeschlagen werde, sagte Lindner. "Das ist eine große Koalition, die aber nur groß darin ist, viel Geld der Bürger auszugeben."

Lindner und seine FDP hatten nach der Bundestagswahl mit der Union und den Grünen über eine Jamaika-Koalition beraten. Die FDP rechnete diesem Bündnis letztlich keine Chancen aus und wird nun die kommenden Jahre in der Opposition verbringen. Erst nach dem Scheitern der Jamaika-Verhandlungen hatten die Gespräche zwischen CDU/CSU und SPD begonnen. Denn auch die Sozialdemokratinnen und Sozialdemokraten hatten eine erneute große Koalition ursprünglich abgelehnt. Der Widerstand gegen ein solches Bündnis hält bis heute in Teilen der SPD an.

So twitterte der SPD-Politiker und Bundestagsvizepräsident Thomas Oppermann: "364 Stimmen für #AngelaMerkel, die Regierungsmehrheit steht, eine #GroKo ist es nicht." Auch Juso-Chef Kevin Kühnert, einer der prominentesten Gegner der großen Koalition, schrieb auf Twitter: "Die #GroKo hat Angela #Merkel quasi das 'volle Vertrauen' ausgesprochen." Der Tweet bezog sich auf die Tatsache, dass Merkel 35 Stimmen von Union und SPD fehlten.  

SPD-Fraktionschefin Andrea Nahles zeigte sich indes verwundert über die relativ knappe Mehrheit bei der Wahl im Bundestag: "Es waren mehr Gegenstimmen, als ich erwartet hätte", sagte Nahles der Welt. Bei der SPD sei "die Lage sehr geschlossen" gewesen. "Darum kann ich mich nur wundern. Es ist letzten Endes nicht herauszufinden."

"Guter Start für Deutschland"

Innerhalb der CDU zeigte man sich nach der Wahl Merkels zuversichtlich. Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen, die am Nachmittag von Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier vereidigt werden soll, sprach von einem "guten Start für Deutschland, denn wir haben wieder eine stabile Regierung". Dass Merkel im ersten Wahlgang gewählt worden sei, sei nach langen Monaten der Regierungsbildung nun "großer Ansporn", mit Schwung in die Arbeit hineinzugehen.

Auch Unionsfraktionschef Volker Kauder sprach von einem guten Ergebnis. Der Start sei auch nicht holprig, sagte der CDU-Politiker n-tv. Auch vor vier Jahren habe Merkel nicht alle Stimmen bekommen.

Der designierte Gesundheitsminister Jens Spahn (CDU) sagte bei Phoenix, es gehe jetzt vor allem darum, bei den Bürgern Vertrauen zurückzugewinnen. Die drei Parteien, die jetzt regierten, hätten bei der Wahl Millionen Stimmen und viel Vertrauen verloren.

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Die anderen Oppositionsparteien wiesen dagegen auf den schlechten Start der neue Bundesregierung hin: "Nur neun Stimmen über dem Durst. Das ist ein holpriger Start für Merkel und die neue Regierung", twitterte die Linken-Vorsitzende Katja Kipping. AfD-Fraktionschefin Alice Weidel sagte n-tv, mit der Wiederwahl Merkels werde Deutschland aus ihrer Sicht "nichts Gutes" getan. Sie hoffe, dass diese Amtszeit Merkels letzte sei.

Grünen-Fraktionschefin Katrin Göring-Eckardt nannte das Ergebnis eine "Klatsche". Die große Koalition erlebe damit einen "wackligen Beginn", sagte sie n-tv. Mit Union und SPD hätten sich zwei schwache Partner in einer "Übergangregierung" zusammengefunden, die die Gegenwart im Blick habe, aber nicht die Zukunft.