Seit drei Jahren haben Konrad Adam und Bernd Kölmel nicht miteinander gesprochen. Zuletzt redete man auf dem AfD-Parteitag vor drei Jahren in Essen. Die Luft in der Halle war stickig, die Klimaanlage kaputt, 3.000 Menschen schwitzten. Bernd Lucke ging damals – weil ihn Frauke Petry in der Vorstandswahl unter Jubel übertrumpfte. Kölmel, damals Landeschef in Baden-Württemberg, flüchtete sich mit dem gedemütigten Lucke und weiteren Gleichgesinnten in einen Biergarten, um den gemeinsamen Rückzug aus der AfD zu organisieren. Adam flog zwar aus dem Parteivorstand, aber er blieb. Damals in der Halle und bis heute in der AfD.

Kaum ein Ereignis in der Geschichte der Partei hat eine solche Wirkung gehabt wie das Mitgliedertreffen in Essen. In der grauen Betonhalle am Stadtrand häutete sich die AfD zu der Partei, die heute im Bundestag sitzt. Essen war der Schlusspunkt einer Entwicklung, die vor genau fünf Jahren begann: Schluss mit vermeintlicher Political Correctness, vermeintlichem Duckmäusertum – das war der Geist des Gründungsparteitags vom 14. April 2013 in Berlin, der neben Adam auch Lucke und Petry zu Vorsitzenden wählte. Seitdem ist viel passiert: Die AfD zog bundesweit in die Parlamente, Petry ging, Gauland übernahm die Führung. Was sagen zwei ehemalige Spitzenkräfte über die AfD von heute?

Die beiden AfD-Mitgründer Adam und Kölmel haben sich zu einem gemeinsamen Telefongespräch bereit erklärt. Der Europaabgeordnete Kölmel sitzt in seinem Büro in Brüssel. Der Privatier Adam ist aus seinem hessischen Zuhause zugeschaltet.

Nicht mehr ausgehalten

Auf dem Berliner Gründungsparteitag, den Adam moderierte, hob auch Kölmel seine Hand zum Ja. Die Stimmung war aufgekratzt. "Nun endlich Klartext! Volkswille! Und wahre Demokratie!" – Das ist der Ton, den die AfD bis heute anstimmt. Unter anderem mit diesen Parolen hat sie es 2017 bis in den Bundestag geschafft. Dabei hat die Partei die Grenzen des Sagbaren verschoben. Um die Kritik am Euro wie zu Luckes Zeiten geht es längst nicht mehr. Spitzenleute der AfD würdigen die Soldaten der Wehrmacht, fordern eine "erinnerungspolitische Wende", erklären den Islam zur Ideologie oder beleidigen Deutschtürken als "Kümmelhändler". Kölmel hat das alles nicht mehr ausgehalten, er verließ die Partei 2015.

Warum blieb Adam, obwohl er auf Distanz ist? Ist das die AfD, die er wollte? Eine klare Antwort bleibt der 76-Jährige schuldig. Doch seine Gegenfrage macht klar, wie er denkt. "Stünde es besser um Deutschland ohne die AfD?" Natürlich nicht, findet Adam. Es gebe ja keine "echte Opposition", der Bundestag wäre so langweilig wie bisher. Da stimmt auch Kölmel zu. "Aus reiner Verzweiflung wählen die Bürger notgedrungen die AfD", sagt der 59-Jährige, der heute Chef seiner eigenen Partei ist. Mit Lucke hat er Alfa gegründet, die inzwischen Liberal-Konservative Reformer heißt. Doch die ist so klein, dass sie zur Bundestagswahl gar nicht erst antrat. Sein 2014 errungenes Mandat im Europaparlament, in dem er bis heute sitzt, verdankt Kölmel der AfD.

Steuergeld dank Parteistiftung

Kölmel erinnert sich an viel Herzblut, die Aufbauarbeit nach 2013, den Geist der ersten Stunde. Aber auch an die Intrigen, die Querulanten, an geleakte E-Mails und Audiomitschnitte einer Geheimsitzung Luckes, an "irrlichternde Leute" in großer Zahl. "Ehrlichkeit und Anstand waren da nicht mehr vorhanden." Und die ursprünglichen Ziele der AfD: weg mit dem Euro, mehr Marktwirtschaft – das sei alles weg. Die Partei vertritt heute den Mindestlohn, sie ist gegen die Nato, die USA. "In der AfD gelten mittlerweile völlig andere Parameter", sagt Kölmel. "In eine solche Partei wäre ich nie eingetreten." Das sieht Adam inzwischen ähnlich. "Die AfD ist allzu schnell zu dem geworden, was sie ursprünglich nicht werden wollte, sie macht den Altparteien viel zu viel nach." So wird die AfD demnächst eine eigene Parteistiftung eröffnen – wie alle anderen Parteien. Sie wird damit Steuergeld abgreifen wie alle anderen – obwohl die AfD die staatliche Parteienfinanzierung sonst immer anprangert. Einer der vielen Widersprüche dieser Partei.

Frauke Petry spielt dabei keine Rolle mehr. Ihr Austritt unmittelbar nach der Bundestagswahl hatte eine zweite Krise ausgelöst. Wie Lucke und Kölmel hat sie eine eigene Partei gegründet. Auch diese ist kaum wahrnehmbar. An die Seite von AfD-Bundeschef Jörg Meuthen rückte daraufhin Ende 2017 der nationalkonservative Mitgründer Alexander Gauland. Beide können gut mit dem rechten Parteiflügel um Höcke. Beide zögern bei der Frage, ob die AfD nach den kommenden Wahlen Regierungsbündnisse eingehen oder doch besser nur Protest- und Oppositionspartei bleiben sollte. Für Adam steht hingegen fest: Die AfD sollte schnell koalitionsfähig werden, zur Landtagswahl 2019 in Sachsen könnte es zumindest rechnerisch gemeinsam mit der CDU klappen. "Ich bezweifle, dass die derzeitige Partei- und Fraktionsführung das ernst genug nimmt."

Massiv durchgesetztes Frageverbot?

Zu den großen Krisen der Partei kamen viele kleine: Mehrere Landes- und Fraktionsvorstände erneuerten sich, meist nach internen Zerwürfnissen. In Baden-Württemberg spaltete sich Meuthens Landtagsfraktion an einem als antisemitisch kritisierten Abgeordneten. In Sachsen-Anhalt wurde André Poggenburg zum Rückzug gedrängt. Im Saarland paktierten Parteiverantwortliche mit Rechtsextremisten, in Niedersachsen wurde der Landesvorstand von der Bundesspitze abgesetzt. Kürzlich war dort Neuwahl: Der wegen diverser Unregelmäßigkeiten abgewählte Landesvorsitzende und Bundestagsabgeordnete Armin-Paul Hampel unterlag zwar einer Gegenkandidatin, erhielt aber noch immer 200 Stimmen. "Jämmerlich, dass ein Mann mit einer solchen Bilanz im Deutschen Bundestag sitzt", sagt Adam.  

Bisher überschritt die AfD nur in Gasthäusern und Bierzelten die Grenzen des Sagbaren. Nun sitzt sie in Parlamenten und hat ein neues Instrument: die Frage. Wie viele Homosexuelle gibt es in Thüringen? Wie viele Menschen, die durch innerfamiliäre Heirat krank oder behindert sind, sind Migranten? Für Kölmel und Adam gehört so etwas zum "AfD-Klartext". "Man kann nach allem fragen", sagen beide. "Die öffentliche Debatte leidet darunter, dass sie mit einem indirekten, aber massiv durchgesetzten Frageverbot belegt ist." Für Kölmel ist wichtig, dass die Frage gut begründet wird.

Warum nicht doch austreten?

Adam sieht sich heute als Opfer. Seine Abwahl aus dem Bundesvorstand auf dem Parteitag in Essen resultierte aus fehlender Vernetzung. "Da waren andere schneller, die ihre Seilschaften gebildet hatten", sagt er und hadert ein weiteres Mal mit seiner AfD. "Eine Partei, die Basisdemokratie predigt, sich aber von Strippenziehern an der Nase herumführen lässt, die kann ich nicht mehr so ganz ernst nehmen."

Adam hätte auch der erste Direktor der künftigen Parteistiftung sein können. Doch es entstanden weitere, konkurrierende Körperschaften. In der von ihm mitgegründeten Desiderius-Erasmus-Stiftung entmachteten ihn interne Widersacher. Adam ist in der AfD kalt gestellt. "Ein Kindergarten", lautet sein bitteres Fazit.

Will Adam nicht doch den einen wichtigen Sprung machen? Den über den eigenen Schatten, fragt Kölmel seinen ehemaligen Parteifreund zum Schluss des Gesprächs. Der AfD durch Austritt zeigen, dass sie nicht mehr seine Partei ist? Adam verneint. Kölmels Reformer, Petrys Blaue Partei – sie seien alle zu schwach im Vergleich zur AfD. "Eine erfolgreiche Parteigründung schafft man nur einmal in 20 oder 30 Jahren." Für den Zweifler Adam ist die Alternative für Deutschland trotz allem alternativlos.