Andrea Nahles ist mit einem Dämpfer als erste Frau an die Spitze der SPD gewählt worden. Auf dem Sonderparteitag in Wiesbaden erhielt die klare Favoritin eine Zustimmung von nur 66,35 Prozent der Delegierten. Sie setzte sich in einer Kampfabstimmung gegen Flensburgs Oberbürgermeisterin Simone Lange durch. Diese gratulierte Nahles anschließend und sagte ihr Unterstützung bei der geplanten Reform der Partei zu. Die neue Parteichefin hat einen umfassenden Erneuerungsprozess versprochen, parallel zur Regierungsarbeit in der großen Koalition.

Nahles erhielt 66,35 Prozent der abgegebenen gültigen Stimmen – nur Oskar Lafontaine erzielte im Jahr 1995 ein noch schlechteres Wahlergebnis. Er trat damals gegen Rudolf Scharping an und wurde mit 62,6 Prozent zum Parteivorsitzenden gewählt. Für die Bundestagsfraktionschefin Nahles stimmten in Wiesbaden nun 414 der 631 Delegierten. Sieben Stimmen waren ungültig, daneben gab es 38 Enthaltungen. Für Lange stimmten 172 Delegierte.

In ihrer Bewerbungsrede kündigte Nahles an, sie wolle als SPD-Vorsitzende den digitalen Kapitalismus bändigen und große Internetkonzerne mehr zur Kasse bitten. Daneben kündigte sie eine offene Debatte über mögliche Hartz-IV-Reformen an und forderte stärkere diplomatische Bemühungen im Verhältnis zu Russland. In der SPD gibt es leisen Unmut über die zunächst sehr harschen Töne des neuen Außenministers Heiko Maas gegen Russland. Mit Blick auf europakritische Töne aus der Union kündigte Nahles an, das im Koalitionsvertrag vereinbarte Europareformprogramm "Buchstabe für Buchstabe" umzusetzen.

Konflikte um Hartz IV

Bei der Bundestagswahl 2017 hatten die Sozialdemokraten nur 20,5 Prozent der Stimmen erhalten. Viele interne Konflikte etwa um Hartz IV sind ungeklärt.  

Bis zu Nahles' Wahl war die Partei kommissarisch von Bundesfinanzminister Olaf Scholz geführt worden. Scholz nannte die Wahl von Nahles als erste Frau an die Spitze der Partei einen historischen Moment. Die SPD werde wieder stark, sagte er.

Niedersachsens SPD-Vorsitzender Stephan Weil kündigte an, Nahles zu unterstützen. Sie sei "die richtige Parteivorsitzende, um die SPD inhaltlich und organisatorisch zu modernisieren". Auch Ralf Stegner, Vorsitzender der SPD in Schleswig-Holstein, gratulierte Nahles. "Sie übernimmt die Führung der Partei in einer schwierigen Lage. In den kommenden knapp zwei Jahren wird sie den Reformprozess der SPD intensiv voranbringen und dabei die ganze Partei miteinbeziehen", hieß es in einer Mitteilung Stegners. Das sei keine leichte Aufgabe. 

Auch der Juso-Vorsitzende Kevin Kühnert begrüßte die Wahl von Nahles. Sie sei in der Lage, zu sagen, wie der Sozialstaat in zehn Jahren aussehen müsse. Nahles "brenne" für die Debatte darüber, sagte er im Interview mit dem Fernsehsender Phoenix. Kühnert, der gegen die große Koalition zwischen SPD und Union gekämpft hatte, für die Nahles und Scholz stehen, sieht seine Partei auf dem Weg der Erneuerung.      

Die Linke-Fraktionschefin Sahra Wagenknecht hingegen sieht im schwachen Ergebnis von Nahles ein Zeichen des Widerstands. "Offenbar verbinden selbst viele SPD-Delegierte mit Nahles keinen Neuanfang und keine dringend notwendige soziale Wende", sagte Wagenknecht der Deutschen Presse-Agentur.

Für Nahles sind mäßige Wahlergebnisse nichts Ungewöhnliches. Bei ihren drei Kandidaturen als Generalsekretärin in den Jahren 2009 bis 2013 erzielte sie Resultate zwischen rund 67 und 73 Prozent. Nahles war unter anderem bereits stellvertretende Vorsitzende (2007 bis 2009) der SPD, Generalsekretärin (2009-2013) und Bundesarbeitsministerin (2013-2017). Der am längsten amtierende Vorsitzende der SPD in der Bundesrepublik war mit 23 Jahren Willy Brandt (1964-1987).