Um 14:16 Uhr krampfen sich die Mundwinkel von Andrea Nahles zu einem Lächeln. Sie sitzt auf dem Podium in der neuen Kongresshalle in Wiesbaden, eben haben sie 414 der 631 Delegierten zur neuen SPD-Vorsitzenden gewählt. Pflichtschuldiger Applaus der Parteitagsmitglieder. Vorstandskollegen gratulieren, umarmen Nahles und klopfen ihr auf die Schulter. 66,4 Prozent – ein durchwachsenes Ergebnis. Eine sieben vorn, das war aus dem Nahles-Lager in den vergangenen Tagen als Zielmarke ausgegeben worden. Nun haben sie dieses Ziel verfehlt. Warum?

Vor gut einem Jahr, im März 2017, hatte die Partei ja gezeigt, dass sie anders kann. Damals wählte sie Martin Schulz mit 100 Prozent zum Vorsitzenden und zum Erneuerer. Nun, nach einer desaströsen Bundestagswahl und einer vertrackten Regierungsbildung, soll Andrea Nahles die SPD erneuern, mal wieder. Dass sie nun so viel schlechter abschneidet, verwundert viele Sozialdemokraten und Beobachter. Und es sagt einiges über sie und ihre Partei.

Denn für Nahles sind schlechte Wahlergebnisse auf Parteitagen nichts Neues. Als sie Generalsekretärin und später Parteivize wurde, war die Zustimmung ähnlich bescheiden. Nahles wurde stets respektiert. Aber die Partei lag ihr, anders als Schulz, nie zu Füßen.

Vorstand geschlossen für Nahles

Diesmal hatte sich anders als bei vorherigen Wahlen der gesamte Bundesvorstand hinter sie gestellt. Aus allen Landesverbänden war Unterstützung zu hören. Rechts wie links – der Chefin der Bundestagsfraktion scheint an allen Enden der SPD beliebt. Genutzt hat es wenig. Funktionäre und Delegierte liegen weit auseinander. Und die Partei wird sich in den kommenden Monaten fragen müssen, warum das so ist. Die SPD kann sich in ihren besten Momenten an sich selbst berauschen wie kaum eine andere, Stichwort Schulz-Hype. Sie hat aber ein ebenso großes Talent, innere Konflikte und alte Wunden nach außen zu tragen.

Hier kommt Simone Lange ins Spiel, Oberbürgermeisterin von Flensburg und Gegenkandidatin von Nahles um den Parteivorsitz. "Ich entschuldige mich bei allen Hartz-IV-Empfängern", ruft sie in ihrer knapp 20-minütigen Vorstellungsansprache. Ihre Rede richtet sich weniger gegen den politischen Gegner, sondern gegen die eigene Partei und deren vermeintliche oder tatsächliche Regierungskompromisse. "Wir müssen den Teufelskreis der Entstaatlichung durchbrechen", ruft Lange. Kein Rentner solle aufstocken müssen. "Schluss mit den Warteschlangen vor Sozialämtern." Wenn sich die SPD erneuern wolle, gehe das nur mit neuen Personen an der Spitze. Mit Leuten wir ihr also.

Gegenkandidatin fehlen Unterstützer

Immer wieder bekommt sie bestenfalls höflichen Applaus. Lauter wird es nur an den Rändern der großen Halle. Dort sitzen die Gäste, die keine Mandate haben – das "Fußvolk", wie einer von ihnen selbst sagt. Unter ihnen schwenken ein paar Dutzend rote Pappschilder: "Liebe Delegierte, Sie können Geschichte schreiben. Wählt Simone Lange." Eine lautstarke Massenbewegung von der Seitenlinie, wie es die Groko-Gegner auf der Tribüne bei den beiden vergangenen Parteitagen waren, ist das aber nicht.

Lange hatte in den vergangenen Wochen versucht, Unterstützung aus dem Lager der Gegner eines Bündnisses mit der Union für sich zu gewinnen – Nahles war immerhin eine der emotionalsten Groko-Befürworter. Doch selbst der Juso-Vorsitzende Kevin Kühnert hatte angekündigt, für Nahles stimmen zu wollen. Auch bei anderen Parteilinken blitzte sie offenbar ab, wie ein Insider berichtet.

Am Vorabend des Parteitags hatte Lange erstmals Gelegenheit gehabt, sich dem Parteivorstand vorzustellen. Sie blieb dabei sehr vage und allgemein, erzählt einer, der dabei war. Wenig kenntnisreich sei Langes Vortrag gewesen, ätzt ein anderer Vorständler – sowohl, was ihre Problemanalyse, als auch was die Lösungsvorschläge angehe. Lange versuche lediglich, die Oben-unten-Spaltung der Partei zu instrumentalisieren.