Frau mit Kanzlerinnenpotenzial

Die Briten wetten ja bekanntlich auf alles. Na ja, auf fast alles. So finden sich bei den einschlägigen Portalen zwar interessante Angebote für die Frage, wer 2020 US-Präsident sein wird (Favorit: Donald Trump, Quote: 1 zu 2,50 Euro). Oder nächster Premierminister in England (Favoriten sind Labour-Chef Corbyn und Tory-Fiesling Jacob Rees-Mogg, beide mit einer Quote von 1 zu 5). Nach der Wette auf Germany's Next Chancellor sucht man aber bislang vergeblich. Dabei könnten die Buchmacher hier richtig Geld verdienen. Denn das Rennen ist offen, einen Favoriten gibt es nicht. In der CDU drängt sich kein Nachfolger auf, der Angela Merkel spätestens 2021 beerben könnte. Ursula von der Leyen, Jens Spahn, Annegret Kramp-Karrenbauer – diese Namen fänden sich vermutlich auf einer längeren Liste. Aber keiner hätte eine Spitzenquote.

Anders sieht es bei der SPD aus, der anderen deutschen Partei mit zumindest theoretischem Chancellor-Potential. Hier kommen nach heutigem Stand nur zwei Namen infrage: SPD-Fraktionschefin Andrea Nahles und Vizekanzler Olaf Scholz. Und manches spricht dafür, dass Nahles sich durchsetzt.

Durch den Parteivorsitz, in den sie sich am Sonntag auf dem Sonderparteitag der SPD wählen lassen will, hätte sie künftig die Möglichkeit, den Kurs der Partei zu prägen, inhaltlich wie strategisch. Sie ist beliebter an der Basis als Scholz und so gut vernetzt, dass sie die entscheidenden Gremien hinter sich bringen wird. Ihren Machtwillen hat sie oft genug bewiesen. Nach innen verfügt sie über integrative Wirkung. Nach außen ist sie gut darin, Bündnisse zu schließen.

Natürlich, es gibt auch Gründe, die gegen Nahles sprechen. In der Bevölkerung ist sie nicht sonderlich populär; auch Scholz ist ambitioniert; sie hat keinerlei Erfahrung als Spitzenkandidatin; und überhaupt, noch trennen SPD und Union ein mittelgroßer Balken an Prozentpunkten. Das wiederum könnte sich – nach Merkel – ändern, genau wie die Koalitionsoptionen. Deshalb würden kluge Buchmacher Nahles derzeit vorn sehen.
Michael Schlieben

Die CDU-Versteherin

Kaum stand die große Koalition, gab es die erste existenzielle Krise: Union und SPD stritten über den Paragraf 219a StGB. Sollen Ärzte darüber informieren dürfen, dass sie Schwangerschaftsabbrüche durchführen? Als die Sozialdemokraten noch auf Oppositionskurs waren, hatten sie einen Antrag eingebracht, der das sogenannte Werbeverbot gekippt hätte – sehr zur Freude von Frauenrechtlerinnen. Die Regierungs-SPD hätte mit Grünen, Linken und Teilen der FDP den eigenen Koalitionspartner überstimmen können. Ein Affront, der bei vielen an der Basis vielleicht populär gewesen wäre – aber womöglich zum Bruch der Koalition geführt hätte. Nahles beschloss, den Antrag zurückzuziehen – und tat damit Fraktionschef Volker Kauder einen großen Gefallen. Der weiß wie andere Unions-Spitzenpolitiker schon seit Langem, was sie an der künftigen SPD-Chefin haben.

Ideologisch trennen die SPD-linke Nahles und die Union einiges. Als Generalsekretärin teilte sie regelmäßig gegen die Schwarzen aus. Als frisch gewählte Fraktionschefin wollte sie der CDU-geführten Jamaika-Koalition "in die Fresse" geben. Auf dem Parteitag in Bonn stänkerte sie über den "blöden Dobrindt". 

Und dennoch: Als Arbeitsministerin im letzten Kabinett hat Nahles das Vertrauen vieler Unionler erworben – die Kanzlerin eingeschlossen. Sie gilt bei CDU und CSU als kompetent, verbindlich und stets hervorragend vorbereitet. Als Dobrindt und Nahles – beide sind auch noch gleich alt – zur selben Zeit Generalsekretäre waren, lobte der Bayer: "Wir kommen gut miteinander klar." Er respektiere ihre Professionalität. In den Koalitionsverhandlungen soll es in der Union bei besonders strittigen Fragen geheißen haben: "Frag lieber die Nahles, nicht den Schulz." Obwohl letzterer da ja noch Parteichef war. Heimliche Verhandlungsführerin schien schon damals bisweilen Nahles zu sein.
Ferdinand Otto