Die Amadeu-Antonio-Stiftung zeichnet in ihrer Chronik zu antisemitischen Vorfällen ein deutliches Bild von jüdischem Alltag im Jahr 2018: zerstörte Synagogenbanner in Magdeburg; ein Fußballtrainer aus Nordrhein-Westfalen, der auf Facebook "Halt's Maul du dreckiger Jude" schrieb; Anti-Zion-Schmierereien in Leipzig. Zwei Vorfälle in Berlin machten zuletzt bundesweit Schlagzeilen: Eine jüdische Zweitklässlerin wurde aufgrund ihrer Religionszugehörigkeit von älteren Schülern angepöbelt und bedroht, ein israelischer Mann mit Kippa wurde am Dienstagabend im gut situierten Stadtteil Prenzlauer Berg auf der Straße von einer Gruppe Jugendlicher angegriffen.

Er hatte die Kippa als Experiment getragen, die Attacke ist in einem Video dokumentiert. In dem Clip ruft einer der Täter "Yahudi! Yahudi!", ein arabisches Wort für Jude, und schlägt mehrmals mit einem Gürtel auf einen der beiden ein. Er flüchtet, der Staatsschutz ermittelt, mehrere Politiker kommentierten den Vorfall. Bundeskanzlerin Angela Merkel sagte, es müsse "mit aller Härte und Entschlossenheit" gegen jegliche Form von Antisemitismus vorgegangen werden.

Die Vorfälle werfen Fragen auf: Wie gefährlich leben Menschen in Deutschland, die sich öffentlich zum Judentum bekennen? Hat sich die Situation seit der Zuwanderung von Flüchtlingen verschlechtert? Und wer sind die Täter?

Langfristiger Rückgang, aktueller Anstieg

Tatsächlich ist nach vorläufigen Daten des Bundesinnenministeriums die Zahl der antisemitischen Taten 2017 im Vergleich zum Vorjahr zurückgegangen, allerdings nur marginal. Bundesweit wurden demnach im vergangenen Jahr 1.453 antisemitische Delikte gezählt, davon waren 32 Gewalttaten. Diese Zahlen können noch leicht variieren, da bislang nicht alle Daten der einzelnen Bundesländer beim Bundesinnenministerium erfasst sind. 2016 hatte es bundesweit 1.468 Fälle gegeben, davon handelte es sich 34 mal um Gewalttaten.

Allgemein zeigt die Kriminalstatistik der vergangenen 16 Jahre zum Teil starke Schwankungen. Ein klarer Aufwärtstrend lässt sich dabei nicht identifizieren. Der von der Bundesregierung in Auftrag gegebene erste Bericht des unabhängigen Expertenkreises Antisemitismus von August 2017 geht eher von einem leichten Rückgang seit den Fünfzigerjahren aus. Antisemitismus habe aber in zwei Zeiträumen zugenommen, nämlich in den Achtzigerjahren bis Mitte der Neunzigerjahre sowie seit den Nullerjahren. Den ersten Anstieg erklären die Studienautorinnen und -autoren mit dem Erstarken des Rechtsextremismus, den zweiten mit der Verschärfung des Nahostkonflikts und dem Beginn der zweiten Intifada. Derzeit gehen die Experten von einer geringfügigen Zunahme aus.

Die meisten antisemitischen Taten wurden 2006 registriert: Damals kam es zu 1.809 Delikten, wovon 51 Gewalttaten waren. In den Jahren zuvor und danach bewegen sich die Zahlen zwischen 1.809 und 1.275 Fällen. Ein auffälliger Anstieg seit dem Jahr 2015, als besonders viele Menschen nach Deutschland geflüchtet sind, ist kriminalstatistisch nicht zu erkennen. Eine Ausnahme bildet Berlin: Dort hat sich die Zahl antisemitischer Straftaten seit 2013 verdoppelt; im vergangenen Jahr wurden 288 gezählt.