Zur Frage nach den Tätern listet die Polizei in ihrer Statistik zu politisch motivierter Kriminalität (PMK) vier Kategorien auf: Links, rechts, Ausländer und Sonstige. Der überwiegende Teil der registrierten antisemitischen Delikte ist dem rechten Spektrum zuzuordnen: im vergangenen Jahr 1.381 von 1.468, also rund 94 Prozent.

In der Kategorie "Ausländer" werden im Jahr 2016 insgesamt 48 Personen geführt. Unter dieser Kategorie werden allerdings auch Täter erfasst, die die deutsche Staatsbürgerschaft besitzen. Ein arabischstämmiger Mann etwa, der einen deutschen Pass hat und einen Juden beleidigt, würde in der Kategorie "Ausländer" geführt werden. Ein Täter mit deutscher Herkunft, der eine Person aufgrund seines Jüdischseins angreift oder beleidigt, würde in die Kategorie "rechts" fallen. Wie genau die Täter im Zweifel eingeordnet werden, sei Ermessenssache, sagte ein Polizeisprecher auf Anfrage von ZEIT ONLINE. Die Einschätzung hänge zunächst von den Angaben ab, die das Opfer gegenüber der Polizei mache.

Plattformen und Vereine, die zu Antisemitismus in Deutschland arbeiten, hinterfragen die Zahlen der Polizei. Sie vermuten, dass die Dunkelziffer an Straftaten viel höher sei als die von Behörden erfassten Zahlen. Die Recherche- und Informationsstelle Antisemitismus (RIAS) gibt an, dass es 2016 alleine in Berlin 514 Vorfälle gab, im vergangenen Jahr sogar 1.127 Delikte. Das wären fast viermal so viele antisemitische Straftaten wie in der offiziellen Kriminalstatistik (288).

Keine Anzeige aus Scham

"Behördendistanz, Schamgefühle sich als Opfer zu sehen oder schlechte Erfahrungen mit der Polizei sind oft Gründe, weshalb attackierte Personen keine Anzeige erstatten", erklärt Carl Chung, politischer Koordinator beim Jüdischen Forum für Demokratie und gegen Antisemitismus. Weiterhin kritisiert er, dass die Polizei Angreifer lange Zeit automatisch als rechtsmotivierte Täter registriert habe, sobald sie keinen muslimischen Hintergrund feststellen konnte. Mit der Berichterstattung könne die Sensibilität unter den Beamten aber inzwischen gewachsen sein.

Zudem weist Chung darauf hin, dass die polizeiliche Kriminalstatistik nur die "harten Fälle" erfassen würde. "Es gibt Filter, die vorher durchlaufen werden müssen, bis die Fälle in der Statistik auftauchen", sagt er. Zum Beispiel müsse das Opfer zunächst einmal die Polizei rufen und Anzeige erstatten, und die Polizei wiederum müsse es an die Staatsanwaltschaft weiterleiten. Bei RIAS hingegen genüge es für Opfer, Bescheid zu geben, ohne die Polizei verständigt zu haben. "Deshalb sollte es uns nicht wundern, dass die Informationsstelle deutlich mehr Taten erfasst als die Polizei. Es sind andere Erhebungsarten", sagt Chung.

Ähnlich schätzt die Amadeu-Antonio-Stiftung die Lage ein. "Das Dunkelfeld ist um ein Vielfaches größer", heißt es im Lagebild Antisemitismus 2016/2017. "Denn weil sich viele Betroffene nach ihren Erfahrungen nicht mehr ernst genommen fühlen, werden viele Vorkommnisse nicht angezeigt."

Der Bericht weist noch auf einen weiteren Aspekt hin: Der Antisemitismus sei heute "weniger schambesetzt und dadurch offener und aggressiver", heißt es darin. Dies führt die Stiftung auf Tabubrüche im Zusammenhang mit dem Gazakrieg und der Eskalation dschihadistischer Propaganda in den sozialen Netzwerken zurück. Gleichzeitig warnt die Stiftung vor einem Fokus auf Randgruppen. Zuweisungen auf bestimmte Gruppen wie Islamisten oder Neonazis stellten oft eine Art Entschuldigung für die jeweils eigene Gruppe dar. "In der deutschen Gesellschaft kann keine Gruppierung behaupten, sie wäre gänzlich frei von Antisemitismen."