Markus Söder verliert keine Zeit. Kurz nach seinem Amtsantritt hat der neue bayerische Ministerpräsident Gesetze vorgelegt: Bayerns Polizisten dürfen demnächst Telefone abhören, Bürgerinnen und Bürger bespitzeln, Post beschlagnahmen und Granaten einsetzen. Ein weiteres umstrittenes Gesetz soll nach Lesart der CSU die Bevölkerung vor psychisch kranken Menschen schützen – und stigmatisiert diese nur noch mehr. Erst nach Protesten besserte Söder nach. Dazu verspricht er derzeit jedem alles: mehr Polizei, mehr Breitband, mehr Geld aus Bayerns vollen Staatskassen für Hebammen, Wohnungsbau, sogar ein Raumfahrtprogramm. Und nun hängt er auch noch Kruzifixe in Amtsstuben.

Das wirkt willkürlich – vermeintliche Sicherheit, Geldregen, Identitätspolitik –, hat aber alles miteinander zu tun: Söder will die absolute Mehrheit bei der Landtagswahl im Oktober verteidigen. Und die AfD möglichst kleinhalten. Der Versuch ist ehrbar. Die Methode bleibt dilettantisch. Das Ziel wird Söder so nicht erreichen.

Spalten, um zu integrieren – das kann zulässig sein

Studien zeigen, dass es relativ unabhängig von der individuellen Parteienpräferenz einige zentrale Motive gibt, AfD zu wählen: die Ablehnung des Islams, verbunden mit kulturellen Verlustängsten. Die Angst davor, dass der Staat nicht mehr funktioniert, sei es, was Innere und Äußere Sicherheit angeht, aber auch die soziale. Und ein pessimistischer Blick in die Zukunft – sowohl emotional als auch ökonomisch. In alle diese Lücken stößt Söder.

Die Kreuze sind ein gutes Beispiel. Sie erfüllen für Söder eine Doppelfunktion. Einerseits muss der neue Ministerpräsident zusehen, dass das kirchliche Lager in der Union nicht weiter erodiert. Teile des christlichen Milieus haben sich gerade in der Flüchtlingskrise von der CSU abgewandt. Dem rauen Ton aus der Staatskanzlei setzen sie einen humanitären Imperativ entgegen.

Die Allianz aus Konservativen und Christen ist keineswegs eine natürliche – Bismarck führte einen Kulturkampf gegen die Katholiken. Erst die Union schaffte es nach dem Krieg, beide Strömungen in sich zu vereinen. Damit das so bleibt, müssen Söder und andere die Christen umschmeicheln. Auch deshalb die Kreuze.

Söder hat aber vor allem ein zweites Signal im Sinn mit seiner Kreuz-Initiative. Ein "Bekenntnis zur Identität" und zur "kulturellen Prägung" sei das Kruzifix, und kein religiöses Symbol. Übersetzt heißt das nicht weniger als: Hier ist kein Platz für den Islam.

Spalten, um zu integrieren, das ist – in engen Grenzen – ein gängiges und akzeptables Mittel der Politik. Deren Aufgabe, zumal von konservativer Seite, besteht nicht darin, eine so unanstößige Sprach- und Symbollandschaft auszubreiten, dass sich keine erdenkliche Minderheit in Deutschland, vom Erdoğan-Fan über den Drogendealer bis zum Hassprediger, belästigt oder benachteiligt fühlen kann. Sozialwissenschaftler haben dafür vor 50 Jahren den Begriff "repressive Toleranz" erfunden. Doch Söder geht zu weit. Er versucht, ein Zeichen der kulturellen Hegemonie zu setzen.

Die AfD könnte zweitstärkste Kraft werden

Tradition lässt sich nicht verordnen. Sie muss von unten kommen, sie ist lebendig und freundlich – oder sie ist gar nicht. Sie schöpft ihre Kraft und Daseinsberechtigung ganz aus sich selbst und nicht in Ablehnung eines fremden Anderen. Tradition von oben befohlen verkommt zum Kitsch mit totalitaristischem Beigeschmack. Das ist Saudi-Arabien und nicht Bayern. Die kulturelle Rückversicherung geht auf Kosten des Kulturguts. Auch deshalb sehen Kirchenvertreter die Kruzifixe skeptisch.

Seine realpolitische Entsprechung findet die symbolische Kruzifix-Offensive derzeit im neuen Polizeigesetz und dem Gesetz für psychisch Kranke. Beide Entwürfe sind hart an der Grenze dessen, was sich ein liberaler Rechtsstaat leisten kann, um noch als solcher zu gelten. Den darf man nicht schleifen, für den Versuch, Wählerinnen und Wähler von der AfD zurückzugewinnen.