Es ist ein Tabubruch für die Union, die einst im Osten Wahlkampf mit einer Rote-Socken-Kampagne machte: Doch nun hat in Brandenburg der CDU-Parteivorsitzende Ingo Senftleben, zugleich Oppositionsführer im Landtag, eine Koalition der Christdemokraten mit den Linken nach der Brandenburg-Wahl im Herbst 2019 nicht ausgeschlossen. Ähnlich hatte sich zuvor bereits die neue Linke-Landesvorsitzende und Sozialministerin Diana Golze geäußert. Dabei galt das Flächenland, das seit 2013 von Ministerpräsident Dietmar Woidke (SPD) regiert wird, bisher als Bastion der Sozialdemokraten.

Warum wird ausgerechnet hier plötzlich über ein CDU/Linke-Bündnis diskutiert?

Brandenburg ist anders geworden. Das Land galt als "Herzkammer" der Sozialdemokratie im Osten: Seit 1990 hat die SPD hier alle Landtagswahlen gewonnen, stellte mit den populären Landesvätern Manfred Stolpe (1990 bis 2002), Matthias Platzeck (2002 bis 2013) und dem jetzigen Amtsinhaber Dietmar Woidke ununterbrochen den Ministerpräsidenten. Und heute? Die SPD ist eingebrochen, alles ins Rutschen geraten: Nach den letzten Umfragen und nach dem Ergebnis der Bundestagswahl im Land läuft es 2019 auf einen Vierkampf von SPD, CDU, AfD und Linken hinaus, die zuletzt alle mit Werten zwischen 17 bis 23 Prozent nicht weit auseinander liegen: Bislang hatte sich die SPD, die seit 2009 mit den Linken regiert, den Juniorpartner immer aussuchen können. Nun würde es für klassische Zweier-Bündnisse nicht reichen, ja selbst für Rot-Rot-Grün nicht. Das zwingt die Parteien – intern oder wie jetzt öffentlich – zu neuen Überlegungen. Senftleben hat es so formuliert, er wolle die politische Farbenlehre erweitern.

Warum ist die SPD so schwach geworden?

Die mittlerweile 28 Jahre an der Macht haben offenkundig zu Verschleiß, zu Auszehrungen geführt, zu Ernüchterungen und Enttäuschungen in der Bevölkerung. Bei der Bundestagswahl schnitt die SPD in Brandenburg (17,6) erstmals schlechter ab als die Partei bundesweit. Die Erosion läuft schon länger, ist aber mit dem Erstarken der AfD, der Flüchtlingskrise aber auch der Schwäche der Regierung selbst beschleunigt worden. Die Absage der vermurksten Kreisreform, das wichtigste Projekt Woidkes dieser Legislaturperiode, ist das eklatanteste Beispiel dafür. Auch sonst läuft das Regierungsgetriebe nicht rund, vor allem bei der SPD. Selbst das Fundament in den Kommunen ist brüchig geworden: Bei der Oberbürgermeisterwahl in Frankfurt/Oder, die der pragmatische wie charismatische Linke René Wilke gewann, holte die SPD jüngst nur 5 Prozent. Oder Cottbus, einst Wahlkreis von Manfred Stolpe, in Aufwallung um Flüchtlingskriminalität und rechte Übergriffe: Die AfD würde in Cottbus nach einer Infratest-Umfrage mit 29 Prozent stärkste Partei vor der Union. Die SPD, die 2014 zur Landtagswahl hier noch 31 Prozent holte, stürzte auf 15 Prozent ab. Für Brandenburg mit einer eher konservativ, unaufgeregten Bevölkerung, sind das dramatische Entwicklungen.

Was würde ein Regierungsverlust für die Bundes-SPD bedeuten?

Bei der Bundestagswahl fielen die Genossen in Sachsen, Sachsen-Anhalt, Thüringen und Mecklenburg-Vorpommern auf den vierten Platz zurück. Würde dieser Trend bei der Brandenburger Landtagswahl bestätigt, wären alle Hoffnungen auf Erholung zerstört. "Um im Osten weiter eine führende Rolle zu spielen, muss das Land Brandenburg in SPD-Hand bleiben", sagt Stefan Zierke, der im Bundestag den Wahlkreis Uckermark und Barnim vertritt. Er wisse, dass Ministerpräsident Woidke dafür kämpfen werde, sagt der Abgeordnete und fordert: "Dabei muss die Bundes-SPD und die Landespartei ihn mit aller Kraft unterstützen."

Warum enttäuscht Woidke?

Die Autorität von Dietmar Woidke, der als profilierter Innenminister 2013 das Amt übernahm, reicht nicht an die seiner Vorgänger Manfred Stolpe und Matthias Platzeck heran und hat gelitten: Im September 2014 waren noch 70 Prozent der Brandenburger zufrieden mit seiner Arbeit, Ende 2017 nach der vermurksten und abgesagten Kreisgebietsreform noch 54 Prozent – so schlechte Werte hatten weder Stolpe noch Platzeck.

Warum bricht Senftleben das Tabu?

Er will Ministerpräsident werden. Er ist der Herausforderer. Und er hat durchaus Chancen. Er will die SPD, das ist das taktische Kalkül, verunsichern und zugleich für die CDU neue Spielräume erarbeiten, im Kern: Machtoptionen. Er reagiert auch darauf, dass die Linken in Brandenburg ohnehin quasi eine sozialdemokratische Partei sind. Geschickt knüpft er dabei an die Konsensmentalität in Brandenburg an. Er hat die schwierige Union in Brandenburg, einst der schwächste Landesverband, konsolidiert, inhaltlich breiter aufgestellt. Er kann es sich leisten, den Stein ins Wasser zu werfen, ohne einen Aufstand zu provozieren.

Hält er sich auch eine Koalition mit der AfD offen?

Nein. Er will zwar im Falle eines Wahlsieges der Union Gespräche mit allen Parteien führen, auch mit der AfD, die hier vom strammen Rechtsaußen Andreas Kalbitz geführt wird. Doch unter Senftleben hat die Union in Brandenburg – im Gegensatz zu Sachsen – die Flüchtlingspolitik der Kanzlerin immer unterstützt.