Cem Özdemir, geboren 1965, war bis Januar dieses Jahres Parteivorsitzender der Grünen. Wäre die Jamaika-Koalition zwischen Union, FDP und Grünen im Bundestag zustande gekommen, wäre er womöglich Außenminister geworden. Militärischen Interventionen steht er aufgeschlossener gegenüber als andere in seiner Partei. So begrüßte er 2014 beispielsweise Waffenlieferungen an die Kurden im Nordirak. Man werde den IS nicht mit der Yogamatte besiegen, verteidigte er damals seine Position.

ZEIT ONLINE: Herr Özdemir, sind Sie in diesen Tagen manchmal froh, dass Jamaika nicht zustande gekommen ist?

Cem Özdemir: Warum sollte ich?

ZEIT ONLINE: Sonst wären Sie jetzt vielleicht Außenminister und die erste Koalitionskrise wäre schon da. Schließlich verteidigen die Union und die FDP den Militäreinsatz von US-Amerikanern, Briten und Franzosen in Syrien. Die Grünen verurteilen ihn dagegen. Wer hat recht?

Özdemir: Die Kritik an der Verletzung des Völkerrechts kann ich nachvollziehen. Ich tue mich aber sehr schwer damit, hier die Haltung von Bundesaußenminister Maas zu kritisieren. Denn wer den Einsatz kritisiert, der muss hier auch sagen, was man stattdessen macht, wenn wiederholt Chemiewaffen eingesetzt werden. Der eigentliche Fehler war doch, dass der – von mir sonst sehr geschätzte – frühere US-Präsident Barack Obama schon 2012 seinen Worten hätte Taten folgen lassen müssen, nachdem er den Einsatz von Chemiewaffen im Syrienkrieg als rote Linie bezeichnete, die nicht überschritten werden dürfe. Doch danach geschah nichts.

Wenn wir ehrlich sind: Auch ein grüner Außenminister hätte sich in der jetzigen Situation nicht grundsätzlich anders verhalten, als das die schwarz-rote Bundesregierung nun tut.

ZEIT ONLINE: Sie haben also kein Verständnis für die Kritik an dem Einsatz?

Özdemir: Die Stimmen all derer, die den Einsatz jetzt sehr laut kritisieren – und damit meine ich jetzt nicht meine eigene Partei, sondern vor allem die Linkspartei und die AfD –, die hätte ich gerne gehört, als in den vergangenen Jahren in Syrien eine halbe Million Menschen ihr Leben und sieben Millionen Menschen ihre Heimat verloren haben. Als der syrische Diktator Baschar al-Assad dort Blutbad um Blutbad anrichtete, unterstützt von seinem Paten Wladimir Putin und dem Iran, da habe ich auf Demos sehr wenige Kollegen von der Linkspartei getroffen und wenige von denen, die jetzt schrill von einem Krieg des Westens sprechen.

ZEIT ONLINE: Aber die Sorge, dass der Konflikt durch ein militärisches Eingreifen des Westens weiter eskalieren könnte, war doch berechtigt, oder?

Özdemir: Die USA, Frankreich und Großbritannien haben Russland und damit das Assad-Regime vorab informiert, das heißt, diese konnten ihre Soldaten zurückziehen. Explizites Ziel war es, zivile Opfer zu vermeiden. Einige tun so, als ob der Krieg erst jetzt begonnen hätte, während sie den Krieg, den Assad unterstützt von Putin zuvor gezielt gegen die eigene Bevölkerung geführt hat, achselzuckend zur Kenntnis genommen haben. Da kann ich nur sagen, das kennen wir aus George Orwells Roman 1984. Hier werden die Begriffe einfach umgeprägt. Das ist Neusprech in Vollendung.

ZEIT ONLINE: Ist es von der Bundesregierung nicht feige, die Militärschläge einerseits für richtig zu erklären, sich andererseits aber nicht daran beteiligen zu wollen?

Özdemir: Ich verfüge nicht über dieselben Informationen wie die Bundesregierung, was die deutschen Möglichkeiten angeht. Aber ich glaube auch nicht, dass Frankreich, Großbritannien und die USA die Bundeswehr bei diesem Einsatz gebraucht hätten.

ZEIT ONLINE: Die Kritiker des Einsatzes weisen auch darauf hin, dass es noch keine endgültigen Beweise dafür gibt, dass in Ostghuta wirklich Giftgas durch das Assad-Regime eingesetzt wurde.

Özdemir: Die Uno hat in den vergangenen Jahren 27 Angriffe mit Giftgas in Syrien eindeutig dem Assad-Regime zugeschrieben. Manchmal frage ich mich schon, woher sowohl bei Teilen der Linkspartei als auch bei der AfD die Sehnsucht nach einer Rechtfertigung des Assad-Regimes kommt. Ich habe von meinen großartigen Geschichts- und Deutschlehrerinnen und -lehrern in der Schule gelernt, dass die Lehre aus dem Nationalsozialismus nicht nur "nie wieder Krieg" sein muss, sondern auch "nie wieder Faschismus". Das trennen nun einige seit dem Völkermord in Bosnien gezielt voneinander: Der zweite Teil wird kurz mal eliminiert, und das "nie wieder Krieg" wird umgeformt. Von Krieg wird nicht dann gesprochen, wenn Assad und Putin Giftgas einsetzen und die Zivilbevölkerung zusammenbomben lassen, sondern wenn der Westen versucht, Giftgasanlagen zu zerstören. 

Andere dagegen sagen: Da kann man halt nichts machen, wie bereits im Bosnien-Krieg. Dafür bin ich aber nicht in die Politik gegangen, dass man sich einfach mit gegebenem Unrecht und schlimmen Verbrechen abfindet.

ZEIT ONLINE: Tragen solche Militärschläge überhaupt dazu bei, künftige Giftgaseinsätze zu verhindern? Wurde da also überhaupt etwas Relevantes zerstört oder handelt es sich nur um eine Drohgeste?

Özdemir: Das weiß ich nicht, aber ich wundere mich über die Gewissheit derer, die das von vornherein ausschließen.