Die Zahl bezieht sich allerdings nicht auf die Leitungsebene. Je höher die Hierarchie, desto geringer wird der Frauenanteil im Innenministerium. Und nicht nur dort. Das BMI ist nicht das einzige Ministerium, das auf allen Spitzenposten nur Männer platzierte. Das Bundesverkehrsministerium besaß unter dem Vorgänger Alexander Dobrindt drei (männliche) Staatssekretäre. Sie wurden von Nachfolger Andreas Scheuer entlassen, zusätzlich wurde eine weitere Stelle geschaffen. Alle vier Ämter besetzte der neue Minister anschließend mit Männern.

Auch in den Ministerien für Wirtschaft, für Landwirtschaft und für Verteidigung findet sich unter den Staatssekretären keine einzige Frau. Zählt man alle parlamentarischen und beamteten Staatssekretärstellen der Bundesregierung zusammen, sind nur knapp 27 Prozent mit Frauen besetzt.

Besonders auffällig wird das Missverhältnis bei den beamteten Staatssekretären, die die eigentlichen Leiter der Verwaltungen sind. In den Bundesministerien gibt es derzeit 29 entsprechende Stellen. Nur vier davon wurden an Frauen vergeben, also nicht einmal 14 Prozent.

Die Besetzungspolitik widerspricht dem eigenen Anspruch der Bundesregierung. Schließlich hat die vorherige Regierung der Wirtschaft gerade per Gesetz vorgeschrieben, dass sie mehr Frauen in Führungspositionen einstellen müsse. Auch im aktuellen Koalitionsvertrag zwischen CDU/CSU und SPD 2018 steht: Frauen seien in Führungspositionen noch immer unterrepräsentiert. "Gleichstellung von Frauen und Männern ist eine Frage der Gerechtigkeit. Sie ist Voraussetzung und Motor für nachhaltige Entwicklung und die Zukunftsfähigkeit unserer Gesellschaft, national und international."

Kanzleramt bestätigt Eingang der Beschwerde

Auch in den eigenen Reihen will man daher angeblich mehr Frauen fördern. Im Koalitionsvertrag heißt es: "Dem öffentlichen Dienst kommt für die Gleichstellung von Frauen und Männern eine Vorbildfunktion zu. Wir wollen daher die gleichberechtigte Teilhabe von Frauen und Männern in Leitungsfunktionen des öffentlichen Dienstes bis 2025 erreichen."

"Aus unserer Sicht ist ein Zeichen in allen Ressorts erforderlich, dass die Aussagen im Koalitionsvertrag ernst gemeint sind", haben die Gleichstellungsbeauftragten dazu nun am 26. März in ihrer Beschwerde an Merkel geschrieben. Es gelte, sich dieser Aufgabe jetzt zu stellen "und nicht erst irgendwann zu einem späteren Zeitpunkt".

Eine Antwort haben die Gleichstellungsbeauftragten auch knapp vier Wochen später noch nicht bekommen. Auf Nachfrage schreibt das Bundeskanzleramt ZEIT ONLINE: "Der Brief des Interministeriellen Arbeitskreises der Gleichstellungsbeauftragten ist im Bundeskanzleramt eingegangen. Er hat der Bundeskanzlerin vorgelegen und wird bearbeitet." Im Übrigen verweist der Regierungssprecher auf das im Koalitionsvertrag genannte Jahr 2025. "Die Bundesregierung arbeitet daran, diese Vorgabe des Koalitionsvertrags umzusetzen."

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