Im Westhafen Center in Berlin herrscht am Freitagnachmittag Partystimmung. Durch das alte Industriegebäude, aus dessen hohen Fenstern man auf Wasser und alte Lagergebäude schaut, hallt hippe Rockmusik. Die hohe Decke leuchtet grün und pink. Doch die rund 600 grün bewegten Menschen, die hier zusammengekommen sind, müssen auf das Feiern noch ein wenig warten.

Denn in der Mitte des Saals stehen nun die beiden noch recht neuen Grünen-Vorsitzenden Annalena Baerbock und Robert Habeck. Und die haben sich einiges vorgenommen. "Es war noch nie so dringend, die Welt zu retten", ruft Baerbock den Zuhörern zu. "Lasst uns wieder unsere Welt retten." So schnell kann man da nicht zum Bier übergehen.

Zwei Tage haben die Grünen sich an diesem Wochenende Zeit genommen, um mal ganz grundsätzlich zu werden. Nach dem Auftakt am Freitag wollen sie am Samstag in sieben Workshops grundlegende Zukunftsfragen diskutieren: Von Ökologie über Sozialpolitik und Digitalisierung bis hin zu Ideen für eine vielfältige Gesellschaft reicht das Spektrum. Angemeldet haben sich dafür fast so viele Menschen wie bei einem Parteitag. Anders als bei solchen Gelegenheiten dürfen diesmal aber alle Interessierten mitmachen, eine Parteimitgliedschaft ist keine Voraussetzung.

Keine grüne Selbstvergewisserung

Um grüne Selbstvergewisserung gehe es dabei nicht, betont Habeck. Die Veranstaltung ist vielmehr der Auftakt für einen Prozess, an dessen Ende – zum 40. Geburtstag der Partei im Jahr 2020 genau genommen – ein neues Grundsatzprogramm stehen soll. Das bisher gültige stammt noch aus dem Jahr 2002 und damit aus einer Zeit, als die Grünen im Bund noch regierten, die Agenda 2010 noch nicht verabschiedet war, und der Rechtspopulismus in Deutschland und anderswo noch weit weniger entwickelt als heute.

"Wir leben in krass politischen Zeiten", so sagt es Habeck. Deswegen sei es nun an der Zeit, zu überprüfen, inwiefern die alten Antworten noch tragen und der politischen und technischen Entwicklung noch entsprechen. Dass das konfliktreich werden kann, zeigt sich zum Beispiel am Thema Gentechnik. Bisher war für die Grünen die Sache klar: Das "Nein, danke" zur Gentechnik stand genauso fest wie vormaleinst das Nein zur Atomkraft.

In einem Beschluss des Bundesvorstands für den Konvent lässt sich dagegen eine neue Offenheit erkennen. Man solle doch noch mal überprüfen, ob "bestimmte neue Technologien nicht helfen könnten, die Versorgung mit Nahrungsmitteln auch dort zu garantieren, wo der Klimawandel für immer weniger Regen oder versalzenen Boden sorgt", heißt es dort mit Blick auf die Weiterentwicklung der Gentechnik.

Der Streit ist schon da

Grüne Agrarexperten reagierten darauf allerdings mit sofortiger Ablehnung. "Was Mittel zur Lösung von Welternährungsfragen und Klimakrise angeht, so zeigen alle Erfahrungen, dass es dazu Gentechnik nicht braucht", konterte beispielsweise der grüne Bundestagsabgeordnete Harald Ebner. Habeck stört das nicht. Dass der Streit schon losgehe, bevor der Programmprozess überhaupt begonnen habe, das sei doch wunderbar, sagt er. Denn darum gehe es schließlich: diskutieren und abwägen – mit offenem Ausgang.

Kontrovers werden könnte es auch beim Thema Digitalisierung. In der sieht der Bundesvorstand laut seinem Beschluss zwar eine Chance, ohne die beispielsweise auch die Energiewende nicht geschafft werden könne. Als klassische Datenschutzpartei werden die Grünen aber auch auf diesem Feld damit zu tun haben, unterschiedliche Ziele miteinander zu vereinbaren.

Noch weitgehend offen ist beispielsweise auch die Frage, wie die soziale Absicherung im Zeitalter der Digitalisierung aussehen könnte. Ist ein Grundeinkommen dafür der richtige Weg? Diese Frage ist sogar zwischen den beiden Parteivorsitzenden selbst umstritten, die sich ansonsten so demonstrativ als gut gelauntes Team präsentieren. Nicht aussparen wollen die Grünen aber auch ein Thema, das ihnen in der Vergangenheit schon viele Probleme bereitete: die Forderung nach einem geringeren Fleischkonsum. Das Wörtchen Veggieday taucht im Beschluss des Vorstands allerdings wohlweislich nicht auf.