Lamya Kaddor ist eine Pionierin der islamischen Religionspädagogik in Deutschland. Die Islamwissenschaftlerin und Autorin ist erste Vorsitzende des Liberal-Islamischen Bundes, der für eine dogmenfreie, zeitgemäße Auslegung religiöser Schriften wie des Korans und für Geschlechtergerechtigkeit wirbt. Für ihre Bemühungen um einen interreligiösen Dialog und einen liberalen, aufgeklärten Islam wurde Kaddor mehrfach ausgezeichnet, 2011 erhielt sie von der Bundesregierung die Integrationsmedaille.

Als Deutsche muslimischen Glaubens können einen die kalkulierten Worte von CSU-Politikern zum Islam eigentlich kaum noch erschrecken. Um verlorene Wählerstimmen zurückzugewinnen, stimmen sie in Dauerschleife mit der AfD zu ausgrenzenden Aussagen zum Islam und zu Muslimen ein. Die jüngsten Aussagen von Landesgruppenchef Alexander Dobrindt haben es dennoch geschafft, mich zu überraschen – vor allem, als es um die Nächstenliebe ging. 

"Unsere Vorstellungen von Toleranz und Nächstenliebe, von Freiheit, von Leistungs- und Chancengerechtigkeit finden sich so in der islamischen Welt nicht wieder", sagte Dobrindt den Zeitungen der Funke Mediengruppe. Dass Laien unabhängig von ihrer Religion in Deutschland öffentlich über islamische Theologie dozieren oder als islamische Historikerinnen und Historiker dilettieren, kennt man mittlerweile. Dass sie sich nun auch mit Falschaussagen über gegenwärtige Realitäten auslassen, offenbart eine neue Qualität.

War Herr Dobrindt eigentlich mal in einem muslimisch geprägten Land? Wenn ja, was hat er dort falsch gemacht? Seine Gastgeber beleidigt? Ihnen die Minderwertigkeit ihrer Existenz vorgehalten? Anders lassen sich seine Aussagen kaum nachvollziehen. Gastfreundschaft und Freundlichkeit gegenüber dem Nächsten gehören zu den berühmtesten Motiven über den sogenannten Orient. Wer mit Menschen spricht, die Einheimische fernab touristischer Hotspots und Strandressorts getroffen haben, erlebt, wie sie geradezu übertrieben davon schwärmen. Schon frühe Orientreisende waren von der Herzlichkeit der Menschen gegenüber Fremden angetan. Der Deutsche Carsten Niebuhr notierte 1778 begeistert: "Der Schech empfing seine Gäste auf das freundlichste, und bewirthete sie mit Caffe, einem Getränk welches er sehr liebte, und dem er viele vortrefliche Tugenden zueignete."

Keine naive Orient-Liebhaberei

Man muss unterscheiden, ob man die politischen Verhältnisse wie in Saudi-Arabien oder im Iran betrachtet, oder ob man auf die einfachen Menschen schaut, die ihr letztes Mahl mit einem teilen würden. Selbst auf staatlicher Ebene lassen sich viele Dinge finden, die Dobrindts Darstellungen widersprechen. Pakistan erkennt seit 2011 das dritte Geschlecht offiziell an. Zum Vergleich: In Deutschland entschied das Bundesverfassungsgericht erst 2017, dass es im Behördenregister neben "männlich" und "weiblich" eine weitere Kategorie geben soll. In Tunesien dürfen seit 2017 muslimische Frauen Andersgläubige heiraten. Und selbst in Saudi-Arabien scheint es eine Bewegung hinsichtlich der Islamauslegung zu geben, die den Weg zu mehr Freiheiten bereitet.

Freilich möchte ich mich hier nicht in naiver Orient-Liebhaberei verstricken. Ich könnte unzählige Probleme, Fehlentwicklungen und Makel in dieser Weltregion anführen. Die Pauschalisierungen in den Aussagen Dobrindts kann ich aber nicht stehen lassen. Man denke etwa an das System von Almosen im Islam oder an die religiösen Stiftungen, sogenannte Waqf. Die Idee der Wohlfahrtspflege ist seit Jahrhunderten in islamischen Gesellschaften verankert. Gläubige sind religiös zum Spenden verpflichtet – und jeder, der irgendwie kann, gibt von Herzen gern.

Religion - Fünf Fragen an den Islam © Foto: ZEIT ONLINE