Dieser Text gehört zu unserer Reportageserie "Überland". Neun Lokalreporter berichten für ZEIT ONLINE aus ihrer Region. Die Serie ist Teil unseres Ressorts #D18 , in dem wir Deutschland Deutschland erklären wollen.

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Karina Dörk ist an diesem Sonntag eine kleine Revolution gelungen: Die 53-jährige CDU-Politikerin hat die Uckermark zurückerobert, einen Landstrich im Norden Brandenburgs, der traditionell eigentlich der SPD gehört, obwohl mit Angela Merkel sogar die prominenteste CDU-Politikerin dorther stammt. 47,7 Prozent der Stimmen hat Karina Dörk erhalten, der SPD-Kandidat Dietmar Schulze, immerhin seit acht Jahren im Amt, kam nur auf 36,5 Prozent.

Grund zur Freude also für Karina Dörk und ihr Team – doch die erste Reaktion der Politikerin am Sonntagabend klang anders: "Nun steht uns das Quorum bevor, und um das zu schaffen, müssen wir noch einmal alle Wählerinnen und Wähler aufrufen, sich an der Wahl zu beteiligen. Wenn ich dabei auf die heutige Wahlbeteiligung von 29,8 Prozent sehe, wird das eine ziemliche Hürde."

Der Grund für Dörks Zurückhaltung: Sie muss in zwei Wochen in eine Stichwahl gegen den SPD-Kandidaten. Dieser bereitet ihr allerdings nicht so große Sorgen wie jenes Quorum, das das brandenburgische Wahlrecht zu etwas ganz Besonderem macht: Denn eine Landratswahl kann in Brandenburg selbst dann ungültig sein, wenn der Kandidat die nötige absolute Mehrheit der Stimmen auf sich vereinen kann. Das Kommunalwahlgesetz regelt, dass zudem auch 15 Prozent aller Wahlbeteiligten für den Kandidaten gestimmt haben müssen. Ist diese Hürde nicht erfüllt, ist die Wahl ungültig. Dann entscheidet der Kreistag, wer Landrat wird. Drei Viertel aller Landratswahlen in Brandenburg sind in der Vergangenheit auf diese Weise gescheitert.

Auch dieses Jahr könnte es wieder so kommen: In vier von sechs Landkreisen, in denen am Sonntag Landräte gewählt werden sollten, ist nach dem ersten Wahlgang noch eine Stichwahl nötig. Diese Stichwahlen scheiterten in der Vergangenheit so gut wie jedes Mal am Quorum. Die brandenburgische Regelung ist bundesweit einmalig. In anderen Ländern sind Quoren bei Wahlen lediglich bei der höchst seltenen Abwahl von Bürgermeistern oder bei Volksentscheiden vorgeschrieben.

Niedrige Wahlbeteiligung bei Kommunalwahlen ist hingegen nicht nur in Brandenburg ein Problem: Überall gehen bei örtlichen Wahlen weniger Bürger zur Wahl als bei Landtags- oder Bundestagswahlen. Das gilt insbesondere dann, wenn nicht ein Bürgermeister, sondern Kommunalparlamente oder eben ein Landrat gewählt werden. Auch das lässt sich in Brandenburg besonders gut ablesen: Das 15-Prozent-Quorum gilt dort nämlich auch für Bürgermeisterwahlen in größeren Städten. Doch in den vergangenen 25 Jahren scheiterte von mehreren Hundert Bürgermeisterwahlen in Brandenburg nicht eine einzige am Quorum.

Besonders die Landkreise leiden in der Öffentlichkeit unter fehlender Wahrnehmung – dabei kann man die Landräte, gerade in Brandenburg, durchaus als Regionalfürsten bezeichnen: Sie sind Chef einer Verwaltung mit zumeist mehr als tausend Mitarbeitern. Die Kreise zahlen Sozialleistungen wie Hartz IV aus, kümmern sich um die Versorgung mit Kitas und haben ein bedeutendes Wort mitzureden, wenn es um den Bau neuer Straßen, Radwege oder sonstige Infrastrukturprojekte geht. "Aber beim Bürger kommt das in vielen Fällen nicht an", sagt Karina Dörk. "Solange es keine gravierenden Probleme gibt, ist es ohnehin schwer, Aufmerksamkeit für Kommunalpolitik zu erzeugen."

Wer weiß schon, was ein Landrat tut?

Gerade die Dinge, die gut funktionieren würden, könnten die Bürger häufig nicht zuordnen, "seien es Müllabfuhr, Rettungsdienst oder Jugendamt". Im Zweifel wüssten die Bürger vielleicht noch, dass für diese Dinge die kommunale Ebene zuständig sei. Aber die Unterscheidung, was nun in die Zuständigkeit von Gemeinden und Städten falle und was in die des Landkreises, sei eben kompliziert.

Und so geht bei Kommunalwahlen bundesweit regelmäßig nur rund die Hälfte der Bürger zur Wahl, obwohl sie hier über Dinge entscheiden können, die sie viel unmittelbarer betreffen als manches neue Bundesgesetz. Die Zeiten, in denen die Wahlbeteiligung im Westen höher war als im Osten, sind indes schon länger vorbei: Bei den jeweils letzten Wahlen in den 13 deutschen Flächenländern lag die Wahlbeteiligung stets bei etwa 50 Prozent – im Osten wie im Westen. Bei den direkten Landratswahlen, die es in nahezu allen Flächenländern gibt, ist die Quote noch einmal deutlich schlechter, auch das im Westen wie im Osten. Werte von plus/minus 30 Prozent Wahlbeteiligung sind auch im Westen keine Seltenheit: Im März etwa wählte der Wetteraukreis in Hessen einen neuen Landrat – mit 31,7 Prozent Wahlbeteiligung. Gäbe es dort das 15-Prozent-Quorum aus Brandenburg – es wäre knapp geworden.