Ein großer Name kann eine Bürde sein. Willy Brandt merkte das, als er im Herbst 2017 beschloss, der Gewerkschaft ver.di beizutreten. Er füllte ein Beitrittsformular aus und gab es in der zuständigen Geschäftsstelle in Nürnberg ab. Dann wartete er auf Nachricht. Nichts passierte. Brandt schickte eine E-Mail. Keine Antwort. Irgendwann reichte es ihm. Er griff zum Telefonhörer und beschwerte sich. "Na, komm halt mal vorbei", sagte der Mann von ver.di. Später entschuldigte der Gewerkschafter sich: Er habe den Antrag unter diesem Namen für einen Scherz gehalten.

Dass Menschen ihm nicht glauben, dass es ihn wirklich gibt, oder meinen, er mache einen Witz, wenn er sich vorstellt, das passiert Willy Brandt öfter. Dabei ist es halt einfach so: Der 24-Jährige heißt Brandt mit dt und Willy mit y so wie der einstige SPD-Vorsitzende und erste sozialdemokratische Bundeskanzler der Bundesrepublik Deutschland.

Dabei waren seine Eltern keineswegs fanatische SPD-Anhänger, wie man vermuten könnte. Im Gegenteil. Als "partei- und politikverdrossen" beschreibt Brandt sie. Das sei schon 1991 so gewesen, als sie als Deutschstämmige aus der Sowjetunion auswanderten. Und daran habe sich auch später, unter den neuen politischen Verhältnissen in Deutschland, nie etwas geändert.

Dass sie ihren 1994 in Nürnberg geborenen Sohn dennoch Willy nannten, hatte zwei Gründe: Das Kind sollte einen deutsch klingenden Namen bekommen, um in der neuen Heimat nicht anzuecken. Und von dem Politiker Willy Brandt hatten sie viel Gutes gehört.

"Besser als Karl-Heinz"

"Die Alternative wäre Karl-Heinz gewesen", sagt Brandt grinsend, während er in einem Café in Nürnberg an seiner Apfelschorle nippt. Da sei er mit Willy eigentlich ganz zufrieden.

Sein Name ist nicht nur Bürde, sondern auch eine Chance – erst recht für jemanden, der Politik machen möchte. Diese Erfahrung hat der junge Mann mit den dunklen Haaren und dem leicht zerzausten Bart schon häufiger gemacht. Sein Name bringt ihm eine Aufmerksamkeit und Öffentlichkeit von der andere Politikeinsteiger nur träumen können.

Kürzlich ist Willy Brandt in die Linkspartei eingetreten. Das ist auch zum Vorsitzenden in Berlin durchgedrungen: Linksparteichef Bernd Riexinger ist am Donnerstag eigentlich nur zu Besuch beim Kreisverband Nürnberg. Aber natürlich nimmt er sich auch Zeit für einen Bildtermin: Riexinger und Brandt posieren gemeinsam neben der Statue von Willy Brandt auf dem Willy-Brandt-Platz der Stadt. Anschließend hat der Kreisvorsitzende ein Pressegespräch mit dem Parteichef und dem Neuling organisiert.

Dass die Linke den jungen Brandt, der an diesem Abend im Beisein des Parteichefs seinen Parteiausweis unterschreiben wird, gerne herumzeigt, ist aus ihrer Sicht mehr als naheliegend. "Willy Brandt macht jetzt Politik bei den Linken" – schon diese Schlagzeile sollte ausreichen, der SPD einen kleinen Stich zu versetzen. Doch für die Sozialdemokraten kommt es noch schlimmer: Denn bevor Brandt nun bei den Linken eintrat, hatte er es erst mal mit der Partei seines Namensgebers versucht.

Keine Karteileiche

Im Mai 2017 schlenderte Brandt mit seiner Freundin durch Berlin. Es sei doch witzig, mit ihm mal im Willy-Brandt-Haus vorbeizuschauen, fand sie. Mal gucken, wie die Leute dort reagieren. Und er dachte: Wenn sie schon mal hier sind, warum dann nicht gleich auch eintreten? Mit dem Hype um SPD-Kanzlerkandidat Martin Schulz habe das nichts zu tun gehabt, betont Brandt. Vielmehr habe er schon mit 13 Jahren einen Freundeskreis gehabt, in dem immer viel über Politik diskutiert worden sei.

Es ging um die großen, die wesentlichen Fragen: Was tun gegen Umweltverschmutzung? Was ist gerecht? Welches politische System ist das richtige? Schon damals habe er beschlossen in eine Partei einzutreten. Unter einer Bedingung: Er wollte Zeit dafür haben. "Denn eine Karteileiche wollte ich nie werden. Wenn ich Politik mache, dann richtig."

Damals, im Mai 2017 schien der Zeitpunkt günstig. Brandt machte eine Ausbildung zum Erzieher, seine Freundin war schwanger. Im Juli kam das Baby auf die Welt, eine längere Elternzeit lag also vor ihm. Dass es eine linke Partei sein müsse, war für ihn, der zwischen den Hochhäusern von Nürnberg Langwasser und damit an einem der sozialen Brennpunkte der Stadt aufgewachsen ist, auch immer klar.

Öko, aber nicht grün

Die Grünen schieden dagegen aus. Zwar sei er durchaus ein Öko, sagt er. Er ernährt sich vegan. Und Tiere liegen ihm auch sehr am Herzen. Für das Treffen in Nürnberg hat er ein Café gewählt, in dem den Gästen ausgesetzte Katzen um die Beine schleichen. Sie haben hier ein neues Zuhause bekommen. So was gefällt Brandt. Aber die Ökopartei ist ihm eben nicht links genug.

Als Willy Brandt an jenem Maitag im vergangenen Jahr ein Eintrittsformular für die SPD ausfüllte, schwiegen sie übrigens im Willy-Brandt-Haus in Berlin dazu. Die Frauen an der Pforte, denen er seinen Ausweis zeigte, und auch der Juso, den er dort traf und mit dem er sich länger unterhielt. "Das war schon komisch, dass die gar nicht reagiert haben", sagt Brandt im Rückblick. Erst kurz vor der Bundestagswahl fiel es dem Nürnberger SPD-Ortsverband von Brandt dann noch auf, dass sich mit dem Neuling trefflich werben lässt. Es gab eine erste Welle von Journalistenanfragen für Interviews.

Dass es jetzt mit dem SPD-Mitglied Brandt schon wieder vorbei ist, hat einen Grund, auf den nun wiederum die Linkspartei nur allzu gerne hinweist: Es sind die Koalitionsverhandlungen mit der Union, die Brandt und die SPD entzweit haben. Für seinen Geschmack setzte die SPD dort zu wenig durch. Willy Brandt wartete noch das Mitgliedervotum ab. Hätte die SPD den Gang in die Opposition gewählt statt des erneuten Bündnisses mit Angela Merkel, wäre er wohl geblieben. Doch nach dem Ja der SPD zur großen Koalition, gab er die Hoffnung auf, dass man mit der SPD wirklich linke Politik mache könne.