Sein erster Auftritt als Dozent dauert gerade mal 15 Minuten, da regt sich im Hörsaal I der Universität Bonn Protest. Auf der Empore entfalten Studierende ein Transparent, auf dem steht: "Gegen Iran-Siggi. Für Israel." Sie werfen Sigmar Gabriel vor, mit dem Atom-Deal mit Iran und Waffenlieferungen an arabische Staaten die Sicherheit des Staates Israel gefährdet zu haben. "Posterboy der Hamas" nennen sie ihn auf Flugblättern, die von der Empore flattern.

Von seinem Rednerpult aus schaut der ehemalige Außenminister nach oben und lässt dann, noch immer ganz Staatsmann, eine Lektion in Realpolitik folgen. Er sei ganz bei Angela Merkel, wenn sie die bedingungslose Unterstützung Israels zur Staatsräson erkläre. Dennoch müsse man bestimmte Dinge im Umgang Israels mit den Palästinensern kritisieren dürfen. Das Abkommen mit Iran verteidigt er als großen Erfolg, da man erreicht habe, dass das Regime auf die Herstellung atomarer Waffen verzichte. Und mit den Waffenlieferungen etwa an die Peschmerga, die die Studenten freilich nicht gemeint hatten, habe man immerhin verhindert, dass der IS die Jesiden ausrottet.

Schließlich kontert Gabriel den Angriff der Studenten mit einem Satz, der zur zentralen Botschaft seiner gesamten Rede wird: "Die Welt ist nicht nur mit moralischen Kategorien zu vermessen", sagt er. "In einer Welt von Fleischfressern hat es der Vegetarier schwer."

Sigmar Gabriel - Ex-Außenminister hält erste Vorlesung an der Universität Bonn Der ehemalige Bundesaußenminister Sigmar Gabriel lehrt im Sommersemester ehrenamtlich an der Universität Bonn. In seiner Antrittsrede sprach er über den aus seiner Sicht richtigen Umgang mit Russland und Syrien. © Foto: Oliver Berg/dpa

"Am Spiel der großen Mächte beteiligen"

Der Auftritt von Sigmar Gabriel als Dozent liefert einen Einblick in die Welt der Diplomatie und in die Abgeklärtheit eines Mannes, für den das internationale Parkett viele Jahre eine geliebte Bühne war. Selbst eine kleine Panne, mit der sein Auftritt beginnt, weiß Gabriel als Pointe zu nutzen: Auf der großen Leinwand, die über der Bühne des vollbesetzten Hörsaals hängt, leuchtet der Titel der Veranstaltung: "Deutschland in einer unbequem(er)en Welt". Gabriel lacht kurz auf und weist darauf hin, dass dort eigentlich Europa und nicht Deutschland stehen sollte. Aber der Fehler würde ja bereits auf ein konkretes Problem aufmerksam machen. Deutschland und Europa, das würden gerade die Deutschen gerne mal verwechseln.

Der Titel des Seminars, das Gabriel am Institut für politische Wissenschaften für das laufende Sommersemesters anbietet, könnte einigen bekannt vorkommen. Im Dezember vergangenen Jahres, Gabriel war zu dieser Zeit noch geschäftsführender Außenminister, hielt er eine Grundsatzrede im Auswärtigen Amt. Damals hatte Gabriel Deutschland und Europa aufgerufen, sich "in einer zunehmend unbequemen Welt" nicht auf der eigenen "Ohnmacht auszuruhen". Und wie schon vor einigen Monaten skizzierte er auch am Montagnachmittag, was Europa blühe, wenn es nicht endlich aufwache, sich zusammenraufe und am Spiel der großen Mächte beteilige: der Absturz in die historische Bedeutungslosigkeit.

Schnell wird klar, dass der Dozent Sigmar Gabriel nicht vorhat, sich der reinen politologischen Lehre zu verschreiben, sondern sich vielmehr als praxisnaher Welterklärer sieht. Einer, der nicht mehr an die diplomatischen Zwänge eines Amtes gebunden ist.

In seinem Vortrag macht Gabriel vor allem klar, dass die Europäische Union sich den Herausforderungen der Weltpolitik zu stellen habe, um als Verhandlungspartner wieder ernst genommen zu werden. Länder wie China, Russland und die Türkei hätten die Schwäche des Bündnisses, seine innere Zerrissenheit längst ausgenutzt. Das Gebaren des türkischen Präsidenten Erdogan, aber auch die Annexion der Krim durch Putin, der noch immer lodernde Konflikt im Donbass, die Versuche der Destabilisierung an den Ostgrenzen der EU, seien ein Test. Man wolle sehen, wie weit man es mit Europa treiben kann.