Einen Tag vor der Wahl zur SPD-Parteivorsitzenden hat Nahles-Herausforderin Simone Lange auf einen Neuanfang der SPD gedrängt. Die Partei habe in den letzten Jahren so viele Wahlen verloren, "weil sie ihre Arbeit immer über die große Koalition definiert hat", sagte die Flensburger Oberbürgermeisterin der Deutschen Presse-Agentur. "Es gab immer eine Personalunion zwischen Regierungsbeteiligten und Parteivorsitzendem. Wir müssen das trennen, wir müssen der Partei ein Stück weit einen eigenen Kopf geben, der weder an Fraktion noch Regierung beteiligt ist."

Andrea Nahles will als erste SPD-Vorsitzende Geschichte schreiben. Die 47-Jährige gilt als Favoritin: Laut Parteikreisen rechnet die SPD damit, dass sie beim Sonderparteitag in Wiesbaden mindestens 75 Prozent erreicht. Weil sie mitunter polarisiert und Konflikte nicht scheut, ist Nahles ohnehin kein Parteiliebling. Ihr bislang bestes Ergebnis erzielte sie 2007 mit 74,8 Prozent bei der Wahl zur Vizevorsitzenden.

Lange wirft ihr vor, die Basis nicht hinter sich zu haben. Falls sie dagegen selbst gewählt werde, wolle sie eine "180-Grad-Kehrtwende" bei den Reformen der Agenda 2010 und Hartz IV einleiten. "Wir müssen wegkommen vom Sanktionieren, hin zu einem System, das neue Anreize schafft", sagte die 41-Jährige.

Im Gegenzug teilte die SPD-Spitze gegen Lange aus: Diese habe wiederholt gelogen, etwa bei Vorwürfen, sie werde bei der Vorstellung ihrer Kandidatur bewusst benachteiligt. Sie versuche einen Konflikt unter dem Motto "die da oben, wir da unten" zu inszenieren und neue Unruhe zu schaffen, hieß es aus Parteikreisen.

Es ist in der Geschichte der Bundesrepublik erst die zweite Kampfkandidatur auf einem SPD-Bundesparteitag. An der ersten war Nahles auch beteiligt: Die damalige Juso-Chefin hatte Oskar Lafontaine unterstützt, als dieser den Vorsitzenden Rudolf Scharping stürzte.

Bei der Bundestagswahl waren die Sozialdemokraten auf 20,5 Prozent abgestürzt, gerade in Ostdeutschland überholte die AfD die einstige Volkspartei. Nahles versprach einen umfassenden Erneuerungsprozess, parallel zur Regierungsarbeit in der großen Koalition. Von dem Delegiertentreffen müsse ein Startsignal ausgehen, "dass wir mit Volldampf in die Erneuerung gehen", sagte die rheinland-pfälzische Ministerpräsidentin und Vizevorsitzende, Malu Dreyer. SPD-Vize Manuela Schwesig betonte: "Die SPD muss wieder stärker werden auf Bundesebene. Wir können uns mit den derzeitigen Umfragen nicht zufriedengeben."

Es ist nach einem turbulenten Jahr der fünfte SPD-Parteitag in 13 Monaten. Nach dem widerstrebend akzeptierten Eintritt in die große Koalition war der damalige Vorsitzende Martin Schulz zurückgetreten, kommissarisch übernahm SPD-Vize Olaf Scholz das Amt.