Die designierte SPD-Vorsitzende Andrea Nahles will an der Parteispitze neue Akzente setzen. "Das ist für mich eine ehrlich empfundene Ehre", sagte sie der Deutschen Presse-Agentur, vor allem mit Blick darauf, dass sie im Fall ihrer Wahl die erste Frau an der Spitze in knapp 155 Jahren Parteigeschichte ist. "Ich glaube, ich kann das, und ich kann das auch im Team mit anderen zu was Gutem machen." 

An diesem Sonntag wählt die SPD bei einem Sonderparteitag in Wiesbaden eine neue Vorsitzende. Neben Nahles kandidiert unter anderem die Flensburger Oberbürgermeisterin Simone Lange. Lange warf der als Favoritin geltenden SPD-Fraktionschefin Andrea Nahles am Freitag im SWR vor, nicht die Voraussetzungen für den dringend nötigen Erneuerungsprozess der Sozialdemokraten zu haben. "Sie hat so oft schon den Erneuerungsprozess ausgerufen - zuletzt 2011 als Generalsekretärin die Erneuerung für abgeschlossen erklärt."

Groschek lobt Nahles als "SPD pur"

Der nordrhein-westfälische SPD-Chef Michael Groschek lobte Nahles. Mit ihr an der Spitze und der Vereinigung von Partei- und Fraktionsvorsitz werde die Sozialdemokratie deutlicher wahrnehmbar. "Mit Nahles an der Spitze wird es 'SPD pur' auch neben dem Regierungsalltag geben." Zwar müsse der Regierungsalltag als Arbeitsgemeinschaft im Bund handwerklich reibungslos organisiert sein. "Aber die politische Auseinandersetzung der Parteien darf darüber nicht einschlafen." 

SPD-Vize Manuela Schwesig hat die erwartete Wahl von Nahles auf dem Parteitag als "historisch" bezeichnet. "Die SPD wird nach mehr als 150 Jahren zum ersten Mal eine Parteivorsitzende wählen", sagte Schwesig der Neuen Osnabrücker Zeitung. Die Gleichstellung von Männern und Frauen sei immer ein zentrales Anliegen der SPD gewesen. "Es ist Zeit für eine Frau an der Spitze", sagte Schwesig.

Mehrheit skeptisch ob Nahles' Fähigkeiten

Allerdings zweifeln fast die Hälfte der Deutschen daran, ob Nahles als künftige Parteichefin die SPD tatsächlich erneuern kann. Dies geht aus einer Umfrage des Meinungsforschungsinstituts Infratest dimap für die ARD hervor, bei der in den vergangenen Tagen 1.039 Wahlberechtigte befragt wurden. Demnach trauen ihr 47 Prozent der Befragten nicht zu, die SPD wieder zu einen und nach vorn zu bringen. Nur jeder Dritte (31 Prozent) traut ihr zu, die SPD wieder zu stärken.

SPD-Anhänger sind in der Bewertung ihrer Fraktionschefin etwas optimistischer. Jeder zweite SPD-Anhänger (50 Prozent) denkt, dass Nahles in der Lage ist, die Partei wieder nach vorn zu bringen.

Insgesamt ist der Rückhalt für die große Koalition gesunken. In der Sonntagsfrage verlieren sowohl Union als auch SPD jeweils einen Prozentpunkt. Die Union käme bei einer Wahl am Sonntag demnach auf 32 Prozent, die SPD auf 17 Prozent der Stimmen. Für die AfD entschieden sich 15 Prozent der Befragten, ein Punkt mehr als vor zwei Wochen. Die Grünen lagen unverändert bei zwölf Prozent, die Linke erreichte unverändert zehn Prozent. Die FDP verbesserte sich um einen Punkt auf zehn Prozent.