"Wir werden die Regierung jagen, wir werden uns unser Land zurückholen" – mit dieser Art Kampfrhetorik präsentiert sich die AfD seit dem Abend der Bundestagswahl. Erst vergangene Woche rief Bundestagspräsident Wolfgang Schäuble (CDU) Fraktionschefin Alice Weidel zur Ordnung, weil sie Flüchtlinge im Bundestag pauschalisierend "alimentierte Messermänner" und "Kopftuchmädchen" genannt hatte.

Die öffentliche Wirkung solcher Provokationen preist die Partei stets mit ein: Je komprimierter die Botschaft, je schärfer die Worte, desto größer ist die Erregung beim politischen Gegner und den kritischen Kommentatoren. Die Anhänger der Oppositionsführerin schreckt das nicht ab, im Gegenteil: Die AfD liegt in Umfragen bei 15 Prozent, der SPD auf den Fersen.

Am Sonntag sucht die Partei erneut die große Aufmerksamkeit. Bundesweit mobilisiert sie für eine Demonstration in Berlin, "Tag der Abrechnung" genannt.  Nach einer Auftaktkundgebung am Hauptbahnhof soll ein Demonstrationszug zum Brandenburger Tor führen. Dort wollen unter anderem der AfD-Vorsitzende Jörg Meuthen genauso wie seine Vorstandsbeisitzerin Beatrix von Storch sprechen.

In ihren Reden werden sie sich gegen "Massenmigration" wenden, gegen die vermeintliche Grenzöffnung durch Kanzlerin Merkel 2015, die hohe Staatsverschuldung, gegen Exportsubventionen und auch gegen Einbußen durch die Niedrigzinspolitik der Zentralbank, die die Altersvorsorge vieler Bürger gefährde. 

"Wir sind alternativ"

"Um Deutschland wachzurütteln, gehen wir am Sonntag auf die Straße", sagt Bundesvize Georg Pazderski, der als Berliner AfD-Landesvorsitzender auch eine Art Gastgeber ist. Die Partei sieht sich durch die aktuellen Umfragen bestätigt. Die AfD werde gewählt, weil die Menschen Angst vor dem Islam und Überfremdung hätten, sagt Vorstandsbeisitzer Guido Reil. Danach kämen gleich die sozialen Probleme: "Soziale Gerechtigkeit ist uns wichtig", sagt der frühere NRW-Sozialdemokrat.

Doch warum demonstriert eine Partei, die in zahlreichen Landtagen und seit September auch im Bundestag sitzt, also Politik mitgestalten kann, auf den Straßen von Berlin? Die AfD verstand sich nie allein als parlamentarische Kraft, sondern auch als Bürgerbewegung. Zu demonstrieren sei Teil des "neuen Konzepts" der AfD, sagt Reil. "Wir sind alternativ."

Dabei ist das Konzept so neu gar nicht. Auch schon Ende 2015 hatte die AfD bei einer Demonstration in Berlin 5.000 Teilnehmer und Teilnehmerinnen auf die Straße gebracht. Seit Gründung der AfD vor fünf Jahren hat sich die Gesellschaft neu politisiert: Bei der Bundestagswahl erhielt die AfD die meisten Stimmen bisheriger Nichtwähler. Sie mobilisiert also in einem Bereich der Gesellschaft, der sich vorher von der bisher etablierten Politik verabschiedet hatte.

Zudem versucht die AfD, sich bundesweit mit Zivilbewegungen zu verbünden. Deshalb ist für Sonntag in Berlin auch die Initiatorin der Hamburger Montagsdemonstrationen gegen Sozialabbau als Rednerin angekündigt, ebenso wie ein Vertreter des Vereins Zukunft Heimat aus Cottbus, eine Art Lausitzer Pegida. 

Angefragt war zudem Kandel ist überall – jener Zusammenschluss, der sich nach dem Mord einer jungen Frau durch einen afghanischen Mann in der pfälzischen Gemeinde gebildet hatte. Doch "wegen interner Probleme" beteilige sich das Bündnis nicht mehr an AfD-Veranstaltungen, sagt Reil.

100 Ordner stehen bereit

Wie will die Partei in Berlin die Abgrenzung nach ganz rechts schaffen und verhindern, dass Menschen mitdemonstrieren, die die AfD nicht dabeihaben will? Aktivisten der völkischen Identitären Bewegung etwa, von der sich die AfD-Führung offiziell distanziert? Identitäre mischten sich bereits unter Pegida-Demonstranten – vor denen auch AfD-Politiker auftreten. 

Reil ist optimistisch: 100 Ordner stünden am Sonntag bereit, sagt er. "Sie haben die Aufgabe, zu verhindern, dass Symbole gezeigt werden, die wir nicht dabeihaben wollen", auch Sprechchöre sollten unterbunden werden. Ausgeschlossen sei etwa der Berliner Pegida-Ableger Bärgida, sagt Pazderski.

Die AfD hat nach Angaben eines Sprechers 10.000 Teilnehmer bei der Versammlungsbehörde angemeldet, in mehreren Bundesländern starten Busse in die Bundeshauptstadt. 

Doch wie viele Anhänger kann die Partei am Ende mobilisieren? In Rheinland-Pfalz versuchte die Parteispitze, Interessenten mit  50 Euro zu ködern, am Wochenende nach Berlin zu fahren. Weil die "Resonanz auf unser Transportangebot mit Bussen sehr gering war", rechtfertigten sich die Rheinland-Pfälzer. Die Organisatoren im Bundesvorstand bezeichneten das als unabgesprochene Aktion. "Unnötig, aber sicher gut gemeint", sagte Vorstandsbeisitzer Andreas Kalbitz.