25.000 Gegendemonstranten, nur rund 5.000 auf Seiten der AfD – die Rechtspopulisten waren auf der von ihnen initiierten Demonstration am Sonntag nicht so stark vertreten, wie sie es sich erhofft hatten. Ein halbes Jahr nach dem Einzug in den Bundestag wollte die AfD-Bundesführung in Berlin ein Signal setzen: Wir kämpfen jetzt im Parlament gegen die Politik der Regierenden, aber nicht nur das: Wir sind auch auf den Straßen laut, wir gehen nicht mehr weg, wir gestalten die Zukunft. 

Ein "Tag der Abrechnung", wie die AfD es vorab nannte, ist diese Demonstration allein schon wegen des Zahlenverhältnisses nicht gewesen. Statt den erhofften 10.000 Anhängern hat die Partei nur die Hälfte mobilisiert und damit auch nicht mehr als 2015, wo sie zur ersten sogenannten Großdemonstration nach Berlin gerufen hatte. Deutschlandfahnen vor dem symbolträchtigen Brandenburger Tor, diese Bilder hat die Partei aber erreicht.

25.000 gegen 5.000 – der quantitative Erfolg einer Demonstration hängt immer von mehreren Faktoren ab: der Entfernung für die Teilnehmer, dem Wetter, dem Zeitpunkt. Die AfD hat starke Landesverbände in Süddeutschland und NRW, von dort ist die Anreise für einen Sonntagnachmittag in Berlin aufwändig. Einfacher geht dies für AfD-Mitglieder in den zahlenmäßig schwächeren ostdeutschen Landesverbänden, Berlin inbegriffen.

Die Gegner waren im Heimvorteil

Die Gegendemonstranten hingegen waren im Heimvorteil: Die überwiegend jungen Linken aus Berlin und dem Umland nutzten den hochsommerlichen Tag für einen Erlebnistrip ins Stadtzentrum, um bunt bekleidet und bemalt zu Elektromusik zu tanzen oder energisch gegen die AfD anzurufen. Der den Rechtspopulisten am Brandenburger Tor von hinten entgegengeschleuderten Kampfruf "Ganz Berlin basst die AfD" (akustisch leicht auch als "… hasst die AfD" zu verstehen) wurde an diesem Tag zum Symbol des gewaltfreien Widerstands gegen die rechtspopulistische Partei.

Es war das laute Gegenprogramm zu "Merkel muss weg", den "Abschieben"- und "Widerstand, Widerstand"-Rufen der AfD-Anhänger, die sich in der Sommerhitze Luft zufächelten mit den Deutschlandflaggen, die die Organisatoren zuvor verteilt hatten. Bunt gegen ein vereinnahmtes Schwarz-Rot-Gold, dieses Bild bleibt von dem Berliner Protest.

Man darf nicht vergessen: Die AfD will das deutsche Parteiensystem und die Medien in ihren bisherigen Strukturen ablösen. AfD-Spitzenvertreter drohten in früheren Reden, "wenn wir kommen, dann wird aufgeräumt". Damit ist nicht nur "der Parteienfilz" gemeint, sondern auch "die linken Gesinnungsterroristen" – also auch Medien, die kritisch über die AfD berichten: über die von der Partei vertretenen Grundrechtseinschränkungen, die von ihren Abgeordneten beschäftigten rechtsradikalen Mitarbeitern. Der Gegenprotest fiel auch deshalb so stark aus, weil die Partei im Reden und Handeln bisher allgemein respektierte Grenzen überschritten hat. Mit Ausgrenzung einzelner Bevölkerungsgruppen habe auch der Nationalsozialismus begonnen, hatte eine Frau auf ihr Plakat geschrieben. "Wir sind progressiv, feministisch, vielfältig und queer – all das, was die AfD nicht ist" war ein Leitspruch der Gegner. Dahinter steckt auch die Sorge, dass die AfD linke oder homosexuelle Lebensentwürfe infrage stellt. 

Die Demokratie hat an diesem Berliner Sommertag funktioniert, das ist das wichtigste Ergebnis aller Veranstaltungen: Die AfD konnte die von ihr so oft eingeforderte Meinungs- und Versammlungsfreiheit für sich in Anspruch nehmen. Größere Zwischenfälle gab es keine, der Zug erreichte unbehelligt das Brandenburger Tor. Straßenblockaden, die es der AfD ermöglicht hätten, sich als Opfer zu inszenieren, kamen nicht zustande. Die Polizei sorgte für eine sichere An- und Abreise der Sympathisanten.

Die Meinung der AfD blieb auf den Straßen Berlins aber nicht unwidersprochen. Mehr als ein Dutzend Gegeninitiativen begleiteten die Rechtspopulisten, kreisten sie regelrecht ein. Für manchen AfD-Verantwortlichen war der Tag ein Déjà-vu: So stark wie heute war der Protest auch am Wahlabend im vergangenen September, als sich Tausende spontan vor der Partylocation am Berliner Alexanderplatz versammelten, um gegen die AfD zu demonstrieren.

Am Brandenburger Tor konnten die AfD-Anhänger ihre Kontrahenten deutlich hören und sehen, nicht wenige hatten es direkt bis an den Absperrzaun geschafft. Diesen Widerstand müssen sie dulden und akzeptieren: Denn die AfD verkörpert nur einen Teil des politischen Meinungsspektrums – was sich in den Heimatregionen der Teilnehmer vielleicht mitunter anders anfühlt.

Dieser Tag war daher ein Erfolg für den politischen Diskurs, den Streit um das tragfähigere Gesellschaftskonzept, um den besseren politischen Weg dahin. So geht Vielfalt, so geht Meinungsfreiheit – so ist Berlin.