Frage: Sie sind erst seit knapp drei Wochen Antisemitismusbeauftragter, das Amt wurde neu geschaffen. Was haben Sie sich als Erstes vorgenommen?

Felix Klein: Um gute Strategien gegen Antisemitismus zu entwickeln, müssen wir erst einmal die Lage erkennen. Es ist unglaublich, dass es keine Übersicht über antisemitische Vorfälle in Deutschland gibt, die unterhalb der Strafbarkeitsgrenze liegen. Wir brauchen ein bundesweites System, das zeigt, wo der Antisemitismus verortet ist, auf dem Land und in der Stadt, und wie er sich äußert, mit welchen Tätergruppen und welchem Hintergrund.

Frage: Wie soll das genau aussehen?

Klein: Für Berlin gibt es so etwas schon. Die Recherche- und Informationsstelle Antisemitismus Berlin macht sehr gute Arbeit und wird von der Polizei auch als Partnerin akzeptiert. So etwas deutschlandweit aufzuziehen, habe ich mir vorgenommen. Ich hoffe, dass wir mit Unterstützung aus dem Bundesfamilienministerium ein bundesweites System finanzieren können. Das kann nur gelingen, wenn es in ganz Deutschland einheitliche Kriterien gibt.

Frage: Warum gibt es so etwas nicht längst?

Klein: Darüber wundere ich mich auch. Man hat das Problem unterschätzt. Der Antisemitismus wurde zwar hier und da mit guten Programmen bekämpft. Aber eine systematische Aufarbeitung hat es nicht gegeben. Das ist auch einer der Gründe, warum das Amt des Antisemitismusbeauftragten geschaffen wurde.

Frage: Die Süddeutsche Zeitung hat sich für eine als antisemitisch bewertete Karikatur entschuldigt und die Zusammenarbeit mit dem Zeichner beendet. Ist diese Reaktion angemessen?

Klein: Ich begrüße es, dass sich die Zeitung für die Veröffentlichung entschuldigt hat. Bei den Gründen, die die Zeitung dazu bewogen haben, die Zusammenarbeit mit dem Zeichner zu beenden, kann ich die Entscheidung gut nachvollziehen.

Frage: Vor einigen Wochen ist in Berlin ein Mann mit Kippa auf der Straße angegriffen worden. Der Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland, Josef Schuster, riet Juden vom Tragen einer Kippa in Großstädten ab. Bedeutet das nicht, dass der Kampf gegen Antisemitismus in den vergangenen Jahren ins Leere gelaufen ist?

Klein: Der Fall in Prenzlauer Berg und der Angriff auf Rabbi Daniel Alter vor fünf Jahren zeigen, dass man sich als Jude in Deutschland nicht überall zu erkennen geben kann. Das muss uns alarmieren. Wir können das als Gesellschaft nicht hinnehmen und dürfen das Problem nicht den Jüdinnen und Juden überlassen. Unsere Gesellschaft ist jetzt in der Pflicht. Antisemitismus hat es leider in Deutschland immer schon gegeben, auch vor der Aufnahme Hunderttausender Flüchtlinge 2015. Durch ein Klima der Verrohung trauen sich jetzt allerdings mehr Leute, antisemitische Positionen im Internet und auf der Straße zu äußern. Das war früher undenkbar. Die Hemmschwelle ist gesunken.

"Die Kriminalstatistik muss überarbeitet werden"

Frage: Mit Antisemitismus lässt sich ja auch in der Gesellschaft maximal provozieren. Ist Judenfeindlichkeit die am stärksten sanktionierte Form des Rassismus?

Klein: Er ist eine besonders sanktionierte Form des Rassismus, weil er so viele unterschiedliche ideologische Hintergründe hat. Ein Rassist wertet den anderen ab, um sich selbst aufzuwerten. Ein Antisemit beschreibt zusätzlich das Judentum als Bedrohung, er glaubt an eine Weltverschwörung, die alles beherrschen will. Der übersteigerte Antisemitismus führte zur Ermordung von sechs Millionen Juden. Das ist für uns bis heute unfassbar.

Frage: Die Kriminalstatistik stuft 95 Prozent der antisemitischen Straftaten im vergangenen Jahr als "rechtsmotiviert" ein. Ist das aus Ihrer Sicht ein realistisches Bild?

Klein: Die gefühlte Bedrohungslage von Juden in Deutschland ist eine andere: Sie nehmen den muslimisch motivierten Antisemitismus sehr viel stärker wahr. Natürlich sind alle Formen des Antisemitismus gleichermaßen gefährlich. Wir können ja auch nicht sagen, nur weil wir weniger Fälle mit einem linksextremen Hintergrund haben, seien diese nicht so schlimm. Die Kriminalstatistik muss allerdings überarbeitet werden, weil einige Kriterien nicht klar sind. Wenn jemand auf einer arabisch organisierten Demonstration einen Hitlergruß zeigt, wird das in der Statistik als rechtsextrem eingestuft. Das ist sehr fragwürdig.

Frage: Haben wir in den vergangenen Jahren den Antisemitismus unter Muslimen in Deutschland nicht ernst genug genommen?

Klein: Die Versäumnisse bei der Integration von Muslimen in Deutschland in den vergangenen Jahrzehnten rächen sich jetzt. Wir haben uns nicht darum gekümmert, was da für ein Israel-Bild entstanden ist. Und wir haben auch zu wenig Angebote für Muslime gemacht, sich mit der deutschen Geschichte auseinandersetzen. Das ist Teil der Integration. Die Muslime müssen wissen: Wer sich in diesem Land antisemitisch äußert, stellt sich gegen die Gesellschaft. Auf der anderen Seite erleben wir in diesem Zusammenhang auch sehr ermutigende Dinge: Verantwortliche in Gedenkstätten berichten, dass beim Besuch von Schulklassen die muslimischen Jugendlichen genauso betroffen sind wie die anderen.

Frage: Allerdings ist heute auf deutschen Schulhöfen das Schimpfwort "du Jude" zu hören. Pädagogen klagen darüber, dass sie dieses Problem nicht in den Griff bekommen.

Klein: Das ist schon extrem. In meiner Jugend in den 80er Jahren gab es so etwas nicht. Wir müssen die Lehrerinnen und Lehrer in die Lage versetzen, dass sie angemessen reagieren können und sofort einschreiten.