Zuletzt war es sehr still geworden um Björn Höcke. Am politischen Aschermittwoch hielt der Thüringer AfD-Politiker in Sachsen eine blasse Gastrede, an fünfter Stelle. Die Aufregung galt Höckes Parteifreund André Poggenburg aus Sachsen-Anhalt. Er verunglimpfte Deutschtürken als "Kümmelhändler" und "Kameltreiber" und wurde dafür vom Bundesvorstand der Partei abgemahnt.

Höcke hielt sich zurück. Wegen einer nationalistischen Rede im Dresdner Ballhaus Watzke im Januar 2017 war er vom Parteiausschluss bedroht – man warf ihm vor, Nazivokabular zu benutzen. Seitdem verharrte er bei öffentlichen Auftritten am Rande, abwartend und unsicher wirkend. Auch sein direkter Einfluss auf Politik und Personal der Partei war geschwunden. Auf dem Parteitag im Dezember hatte er eine Niederlage erlitten, als er Alice Weidel am Saalmikrofon Machtkonzentration vorwarf: Weil sie schon die Bundestagsfraktion führt, solle sie nicht noch für den Parteivorstand kandidieren. Doch die Mehrheit der Delegierten wählte Weidel. "Höckes Nimbus ist eingebrochen", bekam seitdem zu hören, wer in der Partei rumfragte.

Seine Parteikollegen vom nationalkonservativen Flügel der AfD festigten ihre Macht auch ohne ihn. Auf dem Parteitag schickten sie eine Gegenkandidatin ins Rennen, als der bürgerlich-konservative Berliner Landeschef Georg Pazderski für den Co-Bundesvorsitz kandidierte. Pazderski unterlag beschädigt, der Posten ging schließlich an den Höcke-Unterstützer Gauland. 

Jetzt wieder bei Pegida

Offen trat der Konflikt zwischen dem rechten Flügel der AfD und den liberaleren Politikern in der Partei aber nicht zutage. Denn im Bundestag muss die AfD nun konkret Politik machen, nur Schimpfen und Anprangern reicht nicht mehr. Auch hat der Parteiaustritt der früheren Vorsitzenden Frauke Petry nach einigem Streit und Machtkämpfen die AfD vorerst diszipliniert. Zunächst galt es, angesichts der neuen parlamentarischen Aufgabe zusammenzuhalten.  

Gut möglich, dass die Flügelkämpfe jetzt heftiger werden. Denn Höcke kann wieder laut sein: Vergangene Woche lehnte das Landesschiedsgericht der AfD den Ausschlussantrag wegen seiner Rede in Dresden ab. Höcke sei kein Verstoß gegen die Parteisatzung und auch keine Nähe zum Nationalsozialismus vorzuwerfen, lautete die Begründung.

Und weil die Beschlusslage der Partei neuerdings auch Auftritte von AfD-Politikern bei Pegida Dresden erlaubt, stand Höcke an diesem Montagabend dort auf der Bühne und warb für die Einheit von Pegida und der AfD. Das goutieren längst nicht alle in der Parteiführung. Wegen des mehrfach vorbestraften Pegida-Cheforganisators Lutz Bachmann ist die Spitze offiziell auf Distanz zu der Bewegung.

Schlachtruf der Identitären

Höcke stört das nicht. "Es braucht die Bürgerbewegung", rief er von der provisorischen Bühne – als "kräftigen Tritt in den Hintern der Partei". Aus einer Nebenstraße lärmten 300 Gegendemonstranten. 

Höcke holte aus gegen Merkel, die vermeintliche "Grenzöffnung" von 2015, sprach von der Angst, "Minderheit im eigenen Land" zu werden. "Heimat, Freiheit, Tradition – Multikulti Endstation", skandierten Höckes Hörer den Schlachtruf der völkischen Identitären Bewegung. Nur Stunden zuvor hatte die österreichische Justiz gegen deren Führungskräfte Anklage erhoben.

Seine 40 Minuten lange Rede in Dresden nutzte Höcke für die ganz großen Vorwürfe: "Die neue Weltordnung ist eine totalitäre Ideologie", sagte er: Wenn die Regierenden noch mehr Verantwortung auf die EU übertrügen, dann habe "das Volk nichts mehr zu melden".

Für Höcke gibt es nur das deutsche Volk, dann die anderen Völker – und da gehöre nichts miteinander vermischt. "Wer das Leben gleichschaltet, der breitet ein Leichentuch um die Welt", rief er. Dann widmete er sich dem Sozialstaat, wetterte gegen Neoliberalismus und forderte mehr Solidarität und staatliche Sozialleistungen.

Das ist Kalkül. Der Jenaer Soziologe Matthias Quent ist sich sicher, dass Höcke mit seinem sozialpopulistischen Kurs noch mehr Nichtwähler binden kann.

Die Kernbotschaft des Auftritts in Dresden ist klar: Höcke ist zurück. Nach seiner Rede holte Höcke die Landesvorsitzenden von Brandenburg und Sachsen auf die Bühne – Andreas Kalbitz und Jörg Urban sind die nationalkonservativen Statthalter der AfD Ostdeutschlands – nur der jüngst entmachtete Poggenburg aus Sachsen-Anhalt fehlte. "AfD, AfD", skandierten mehrere Tausend Pegida-Besucher.