Seit sechs Wochen arbeitet die neue Bundesregierung – ein Minister aber sucht seinen Platz noch. Horst Seehofer marschiert zielstrebig in den Saal, vollbesetzt mit rund 60 Hauptstadtjournalisten, die an langen Tischreihen, zu einem Rechteck zusammengeschoben, sitzen. Auf der Suche nach seinem Stuhl bahnt sich der neue Bundesinnenminister seinen Weg vorbei an den Fernsehkameras auf der Längsseite, bis ihm auffällt, dass er längst an seinem Namensschild vorbeigelaufen ist. Seehofer winkt ab, kichert, drückt sich wieder vorbei an den Stativen, macht sich auf den Rückweg ans Kopfende.

Die Wege sind für ihn noch neu in dem Ministerium, das neuerdings auch für die Heimat zuständig sein soll. Was er unter Heimatpolitik versteht: um das zu erklären, hat Seehofer zum ersten Mal in seiner neuen Funktion ins Innenministerium zur Pressekonferenz geladen.

Die Frage nach dem Kreuz lässt er abtropfen

Weil es im Bund noch nie einen Heimatminister gab, in Bayern erst seit fünf und in Nordrhein-Westfalen erst seit einem Jahr, muss Seehofer keine Vergleiche scheuen und kann erst mal grundsätzlich werden. Die Kritik am geplanten Haushalt kann er jedenfalls nicht teilen. Schließlich hat sein aufgewertetes Innenministerium viele neue Stellen bekommen, aus elf Abteilungen wurden 14, und vom Finanzminister gibt es 4,5 Milliarden Euro zusätzlich. "Volle Zufriedenheit", befindet der CSU-Chef.

Und wohin mit dem ganzen Geld? Zumindest nicht in "operative Förderprogramme", wie Seehofer sagt. Vielmehr versteht er sein Haus als die "konzeptionelle Abteilung, die Grundsatzarbeit macht". Umsetzen dürfen dann die anderen Ministerien. Soll heißen: Seehofer wird nicht übers Land ziehen mit Förderbescheiden für neue Breitbandkabel. Aber er will seinen Kabinettskollegen sagen, wo sie anfangen sollen zu graben.

"Ich habe ja in Bayern schon ein Heimatministerium gegründet", sagt er. So ähnlich wie dort soll das jetzt im Bund auch ablaufen: "Wir haben da einen Atlas erstellt mit wirtschaftlichen Kenndaten, um Regionen mit Handlungsbedarf zu identifizieren." Dieser Atlas war dann eine Art Hausaufgabenheft für alle Ministerien. Entsprechend soll im Bundesministerium eine ganze Abteilung spiegelbildlich zu den übrigen Ministerien arbeiten. Wo fehlen Ärzte, Bahngleise, eine Hochschule? Strukturpolitik, Raumordnung, das sind die Worte, mit denen Seehofer derzeit um sich wirft.

Keine Dirndl-und-Lederhosen-Politik

Er kann da aus Erfahrung reden, findet Seehofer. Seine Heimat Ingolstadt sei lange ein "schwache Problemregion" gewesen. Außer Audi nichts los. "Und wenn Audi gehustet hat, waren wir alle krank." Inzwischen gehört Ingolstadt tatsächlich zu den reichsten Gegenden im ohnehin reichen Bayern. Sein Staatssekretär, Markus Kerber, den Seehofer dafür extra zurück in die Politik geholt hat, springt ihm bei, ebenfalls mit einer Geschichte aus seiner Heimat. "Ich stamme aus Ulm, das war eine Industriestadt." Durch kluge Strukturpolitik sei daraus inzwischen eine "Stadt des Wissens" geworden.

Seehofers Rede über sein Heimatministerium klingt derart unanstößig und gemäßigt nach langweiligem Polit-Graubrot, dass einige Journalisten misstrauisch werden. Wo ist der CSU-Chef, der bierzeltpöblend den Islam aus Deutschland raussubtrahiert und gerne mal Sprüche klopft über Sozialbetrüger und kriminelle Flüchtlinge? War nicht genau dafür das Heimatministerium geschaffen worden, um mit viel Pomp ein Zeichen weißblauer Kulturhegemonie zu setzen?

Vielleicht klappt es ja so, Seehofer mehr zu entlocken: Was er denn davon halte, dass in Bayerns Amtsstuben Kreuze hängen, fragt eine Journalistin. Und ob er das in seinem Amt genau so halten wolle.

"Ich werde zu Dingen, die im Zusammenhang stehen mit der Arbeit meines Nachfolgers, nichts sagen", antwortet Seehofer kühl. Und wenn man möge, sei man nach der Pressekonferenz eingeladen in sein Büro zu gehen und zu gucken, was dort an der Wand hänge. Er wolle auch jeden Fall "keine Volkstümelei mit Dirndl und Lederhosen" in seinem Berliner Ministerium betreiben – auch wenn das, wie er schnell nachschiebt, für viele natürlich wichtig sei.

Beim Thema Ellwangen kommt der alte Seehofer durch

Man möge doch bitte die Heimatdebatte nicht auf einen ideologischen Kampf reduzieren. "Heimat ist der Ort, an dem wir uns zuhause und geborgen fühlen", sagt er. Deshalb sei es auch völlig in Ordnung, dass viele Menschen mehrere Heimaten besäßen.

Das war's mit dem Frageblock zum Thema Heimat, beschließt Seehofers neue Sprecherin – eine Frau, wie der Hausherr gleich eingangs betont hatte. Das gebe künftig "bessere Fotos" als in der Vergangenheit.

Abgang Heimatminister, Auftritt Innenminister. Und damit nimmt auch wieder der Zuspitzer Seehofer Platz am Tisch. Die Geschehnisse in der Flüchtlingsunterkunft in Ellwangen waren "ein Schlag ins Gesicht der rechtstreuen Bevölkerung", sagt er. "Gastrecht darf so nicht mit Füßen getreten werden." Da ist wieder der Seehofer, der weniger Flüchtlinge will und schneller abschieben, und der den Maghreb zur sicheren Herkunftsregion erklären will. Der Seehofer, der "große Sympathie" hegt für die Residenzpflicht und bis September erste Sammelunterkünfte eröffnen will, sogenannte Anker-Zentren.

Der unaufgeregte Heimatminister färbt bisweilen auf den knalligen Innenminster ab. So sagt Seehofer, der bis vor ein paar Monaten noch die Bundesregierung wegen der offenen Grenzen verklagen wollte, inzwischen auch Sachen wie: "Ich bin nicht für eine Abschottung Deutschlands." Vielleicht hat er seinen Platz doch schon gefunden.