Die Bundesregierung hat die USA im Kalten Krieg um Chemiewaffen gebeten, die sie im Falle eines C-Waffen-Angriffs durch den Warschauer Pakt zur Vergeltung einsetzen wollte. Das belegen Akten der Bundeswehr und der US-Regierung, die nach jahrzehntelanger strenger Geheimhaltung offengelegt wurden und die NDR, WDR und Süddeutsche Zeitung jetzt auswerten konnten. Die Recherchen zeigen, dass Bundesregierung und Bundeswehr damals auf mehrfache Nachfrage von Journalisten die Unwahrheit gesagt haben.

Aus den Akten geht hervor, dass die Bundesrepublik 1961 in streng geheimen Nato-Sitzungen eine Debatte über C-Waffen anstieß und forderte, nicht nur die USA sollten die Fähigkeit zur Abschreckung und Vergeltung mit chemischer Munition haben. Zwei Jahre später bat der damalige Verteidigungsminister Kai-Uwe von Hassel (CDU) die US-Regierung um 14.000 Tonnen C-Waffen. Von 1962 bis mindestens 1968 plante die Bundeswehr in einem kleinen Kreis hochrangiger Offiziere eine mögliche chemische Kriegsführung durch Artillerie und Luftwaffe gegen Truppen des Warschauer Pakts in allen Details. Die Planungen fanden auf Weisung des Generalinspekteurs und in Rücksprache mit Verteidigungsminister und Staatssekretären statt.

US-Außenministerium hatte Bedenken

Sie setzte diese Pläne aber auch deshalb nicht um, weil sich die US-Regierung 1966 entschied, die Bitte aus Deutschland abzulehnen. Im Kriegsfall wären die USA allerdings zu einer Lieferung an Alliierte bereit gewesen. Das Pentagon hatte dem deutschen Wunsch erst nachkommen wollen, doch das US-Außenministerium äußerte Bedenken. Auf Weisung des Nationalen Sicherheitsberaters von US-Präsident Kennedy wurde die US-Position daraufhin grundlegend diskutiert.

Bundesregierung und Bundeswehr bestritten immer wieder vehement, den Einsatz und Besitz von Chemiewaffen zu planen, und wiesen entsprechende Berichte zurück, etwa von Günter Wallraff und Jörg Heimbrecht 1969/70 in der Zeitschrift Konkret, nach einem Beitrag des ARD-Magazins Monitor 1970 und in Reaktion auf Vorwürfe der DDR ab 1968.

Den Dokumenten zufolge wurde 1966 die streng geheime "Studiengruppe ABC-Wesen" in Sonthofen gegründet. Das Expertenteam führte 1967 die Planuntersuchung Damokles durch, in der Gefechte mit C-Waffen-Einsatz beider Seiten in der Region um Braunschweig durchgespielt wurden. 1968 entschied Verteidigungsminister Gerhard Schröder (CDU), "zunächst (…) keine Vorbereitung für eine aktive Verwendung von chemischen Waffen durch die Bundeswehr vorzusehen". Die Studiengruppe solle sich aber weiter mit dem Thema beschäftigen.  

Nato rechnete mit C-Waffen-Erstschlag durch Sowjetunion

Das Genfer Protokoll verbietet den Einsatz von C-Waffen; zusätzlich hatte sich die Bundesregierung 1954 dazu verpflichtet, keine chemischen Waffen herzustellen. Die Juristen des Verteidigungsministeriums fanden eine Lösung, um dies zu umgehen: Zwar dürfe die Bundesrepublik C-Waffen nicht entwickeln, herstellen oder zum Erstschlag verwenden. Es sei ihr aber nicht explizit verboten, sich damit auszurüsten, die Waffen zu lagern, Soldaten daran auszubilden und diese im Falle eines feindlichen, völkerrechtswidrigen Erstangriffs zur Vergeltung einzusetzen. Die Nato rechnete im Fall eines sowjetischen Angriffs mit einem raschen Chemiewaffeneinsatz durch den Warschauer Pakt. Deshalb sah auch die 1967 formulierte Strategie "Flexible Response" den begrenzten Einsatz tödlicher B- und C-Waffen zur Vergeltung vor.

Auf Anfrage von NDR, WDR und SZ erklärte das Bundesverteidigungsministerium jetzt, ihm lägen zu den damaligen Planungen keine Informationen vor, da der Vorgang zeitlich zu weit zurückliege. "Heute existieren auf deutschem Boden weder in deutscher noch in Verantwortung von Nato-Verbündeten Chemiewaffen", hieß es.