Berlin - Tausende Menschen demonstrieren in Berlin für und gegen die AfD Rund 5.000 AfD-Anhänger sind in Berlin unter dem Motto »Zukunft für Deutschland« auf die Straße gegangen. Gegen die Demo und die Forderungen der AfD protestierten rund 25.000 Menschen. Größere Zwischenfälle gab es laut Polizei nicht. © Foto: Hannibal Hanschke/Reuters

An diesem Sonntag haben in Berlin Anhänger der AfD sowie zahlreiche Gegendemonstranten parallel zueinander protestiert. Die AfD hatte ihre Sympathisanten zu einem "Tag der Abrechnung" nach Berlin gerufen. 10.000 Teilnehmerinnen und Teilnehmer waren angemeldet worden, laut Polizei kamen am Ende etwas mehr als 5.000. Diverse andere Gruppen hatten Gegendemonstrationen organisiert: Hier kamen am Ende rund 25.000 Menschen zusammen. Die Frage, welcher Teil der Gesellschaft stärker mobilisieren würde, wurde deutlich beantwortet.

Die Berliner Polizei war mit etwa 2.000 Beamten im Einsatz. Einem Polizeisprecher sagte, die Demonstrationen seien "überwiegend störungsfrei" verlaufen. Während einer der Gegendemos kam es vereinzelt zu Auseinandersetzungen zwischen Demonstranten und Einsatzkräften, als erstere versuchten, Absperrungen zu durchbrechen.

Die AfD-Anhänger sammelten sich zunächst auf dem Washingtonplatz vor dem Hauptbahnhof, um unter dem Motto "Zukunft für Deutschland – für Freiheit und Demokratie" zu demonstrieren. Sie schwenkten schwarz-rot-goldene Fahnen, die teils von den Organisatoren ausgeteilt wurden. Auf Schildern und Transparenten waren AfD-Slogans wie "Grenzen schützen", "Die Freiheit der Frau ist nicht verhandelbar", aber auch "Arbeit muss sich wieder lohnen" zu lesen. "Krieg gegen das Deutsche Volk" beklagte ein Teilnehmer auf einem Schild, "Merkel schafft uns ab", hieß es auf einem anderen.

Die Gegendemonstranten versuchten, die AfD-Kundgebung durch ein lautstarkes Pfeifkonzert zu stören. Immer wieder waren Nazis-raus-Rufe zu hören.

"Höcke, Höcke"

Den Auftakt der AfD-Demonstration bildeten Reden von Christoph Berndt vom Cottbuser Verein Zukunft Heimat und Marie-Thérèse Kaiser von den Montagsdemonstrationen gegen die Regierung aus Hamburg. Sie lobten das Bündnis der AfD mit den Bürgerbewegungen und verlangten, Deutschland als Nationalstaat wiederherzustellen. Berndt sprach sich dafür aus, dass der AfD-Bundesvorsitzende Alexander Gauland nächster Bundeskanzler werden solle. Bundesvorstandsbeisitzer Andreas Kalbitz zitierte den Thüringer AfD-Landesvorsitzenden Björn Höcke: Die AfD sei "die letzte evolutionäre Chance für unser Land". "Höcke, Höcke", antworteten die Teilnehmer.

Bundesvorstandsmitglied Beatrix von Storch wandte sich gegen den Islam, den sie als "politische Herrschaftsordnung" bezeichnete. Sie nannte in dem Zusammenhang den Nationalspieler Mesut Özil ein Beispiel für "grandios gescheiterte Integration". Hintergrund dieses Angriffs ist Özils Begegnung mit dem türkischen Staatspräsidenten Recep Tayyip Erdoğan. Özil stehe der Islam näher als das Grundgesetz, sagte von Storch. So ein Fußballer "sollte nicht in unserer Nationalmannschaft spielen".

Der Demonstrationszug setzte sich danach in Richtung des Brandenburger Tores entlang des Spreeufers in Bewegung. Auf der anderen Seite der Spree demonstrierten Tausende gegen die AfD. Die Polizei hatte Boote auf den Fluss geschickt, um eine direkte Begegnung der beiden Gruppen zu verhindern. Ein von der Berliner Clubszene organisierter Umzug von rund 30 Musikwagen zog über die Siegessäule zur Straße des 17. Juni. "AfD wegbassen" lautete das Motto der lautstarken Karawane, die sich teilweise entlang der Strecke der einstigen Berliner Loveparade bewegte. "Bass statt Hass", "Schabernack gegen Nazikack" und "Hier marschiert der rationale Widerstand" war auf Plakaten zu lesen.

Vor dem Brandenburger Tor sprach zunächst der AfD-Parteivorsitzende Jörg Meuthen. Er schimpfte auf die "Hofschranzen Angela Merkels" – die Minister, die dem Volk dienen sollten, "aber sie tun das ganz und gar nicht". Dann wandte er sich gegen die "Vergewaltigung unserer Sprache" durch "Binnensternchen-Volldeppen", gegen die Beschneidung der Meinungsfreiheit "durch ein Zensurgesetz" und gegen Einschränkungen durch "einen Regulierungswahn" in der Europäischen Union.

Gegenprotest kommt übers Wasser

Auf der Spree paddelten und schipperten derweil ein gutes Dutzend Flöße und Boote Richtung Hauptbahnhof. Von dort aus wollten sie am Bundestag vorbei Richtung ARD-Hauptstadtstudio fahren. Dort kreuzte sich ihr Weg mit dem Zug der AfD-Demonstration, die über eine Spreebrücke hinwegziehen wollten. "Wir wollen der AfD zeigen, was wir von ihrem Rassismus halten: nichts", sagte ein Sprecher der Floßdemonstranten.

Auf der anderen Seite des Hauptbahnhofs wiederum zogen Musikwagen zu einer Partydemo los, die über die Straße des 17. Juni führen soll. Ihr Motto: "Die AfD wegbassen." Eine von Künstlern organisierte "Glänzende Demonstration" war schließlich von Berlin-Mitte losgezogen.

Habeck kritisiert Umgang mit AfD

AfD-Chef Gauland betonte in seiner Rede, dass die AfD nicht verschwinden werde. "Wir sind angekommen, um zu bleiben, um diese Gesellschaft zu verändern – und möge sich niemand in den Altparteien einbilden, das gehe vorüber", sagte er. Ähnliche Entwicklungen gebe es in Ungarn, Polen, der Slowakei und in Österreich. Man werde einen "Siegeszug" antreten. "Wir lassen uns aus diesem Land und aus dieser Gesellschaft nicht vertreiben", sage Gauland.

Vor dem Reichstagsgebäude sammelten sich unterdessen mehrere Tausend Gegendemonstranten unter dem Motto "Stoppt den Hass". Unter ihnen war auch der Chef der Grünen Robert Habeck.

Zuvor hatte Habeck im Redaktionsnetzwerk Deutschland ein Einknicken aller Parteien vor der AfD kritisiert. Die Partei bestimme seit drei Jahren den Diskurs über Flucht und Einwanderung, sagte Habeck. "Die Angst vor dem Rechtspopulismus treibt Politiker zu dummen Fehlern." Er kritisierte auch eine einseitig geführte Debatte über Einwanderung. "Wer spricht denn heute noch von Integration?"