Für knapp 100 Frauen beginnt der FDP-Parteitag zwei Stunden vor dem offiziellen Start. In dem hohen Backsteinraum vor den Hallen eines alten Postbahnhofs in Berlin fällt warmes Morgenlicht, es gibt Kaffee und Croissants. Generalsekretärin Nicola Beer hat zum "Female Morning Meeting" eingeladen, um ein in der Partei kontrovers diskutiertes Thema zu besprechen: Warum engagieren sich so wenige Frauen?

Mitte April hatte die FDP das Thema erstmals öffentlich gemacht. Die Partei hat in den vergangenen Jahren viele Neumitglieder gewonnen. Doch nur 21,9 Prozent der rund 63.000 FDP-Mitglieder sind Frauen – so wenige, wie seit 30 Jahren nicht mehr. In der CDU sind es immerhin 26 Prozent, bei der SPD 36 Prozent und bei den Grünen 39 Prozent. Im FDP-Präsidium sitzen neben 15 Männern derzeit nur drei Frauen.

Bundesgeschäftsführer Marco Mendorf hat daher eine Arbeitsgruppe gegründet, es soll ohne Tabus diskutiert werden. Selbst eine Frauenquote stand kurz im Raum, wurde dann aber schnell von Mitgliedern der Parteiführung abmoderiert. Die tastet sich nun vorsichtig an das Thema heran: Am Morgen des Parteitags stellt Beer erstmal eine Onlineumfrage vor, die zeigen soll, was die FDP-Frauen wollen. 

Lindner will Frauenförderung ohne "Genderideologie"

Mitgemacht haben allerdings nur 17 Prozent der weiblichen Parteimitglieder. Ihre Antworten sind wenig überraschend. Ein Viertel würde sich wünschen, aktiver auf ein politisches Amt aufmerksam gemacht zu werden. Fast die Hälfte glaubt, dass Parteien immer noch Männervereine sind. Ob sie sich eine Frauenquote wünschen, hat die FDP übrigens nicht gefragt – was auch einige Anwesende kritisieren.

Auch Parteichef Christian Lindner bleibt vage in seiner Rede. "Wir wollen wachsen, also müssen wir bei Frauen stärker werden", sagte er. Bei weiblichen Wählern sieht der FDP-Chef ein "ungehobenes Potential". Nur wie er das heben will, sagte er nicht. Für die FDP wirbt er als "wirkliche Alternative für Frauen, die eine moderne Gesellschaftspolitik, sich aber von Genderideologie freimachen wollen". Dazu brauche es nicht zwingend eine Frauenquote. "Die einfachsten Instrumente sind nicht immer die besten Instrumente."

Und doch ist es eine neue Entwicklung, dass in der FDP über das Frauenproblem offen gesprochen und es sogar offensiv angegangen wird. Lange galten die Freien Demokraten als Partei der grauen Eminenzen. Nur vereinzelt standen starke Frauen mit an der Spitze, wie etwa Sabine Leutheusser-Schnarrenberger, Cornelia Pieper oder Birgit Homburger, die auch Landesvorsitzende waren. Nicht zu vergessen Hildegard Hamm-Brücher, die Grande Dame der FDP, die viele Jahre Mitglied im Bundesvorstand war. Aber das waren Ausnahmen.  

Wenn das Verhältnis schon in der Führung so ungleich ist, kann es auch im Rest der FDP nicht stimmen, sagen einige in der Partei. Es fehle an öffentlichen Vorbildern, meint die neu gewählte Vorsitzende der Jungen Liberalen (Julis), Ria Schröder. In den Talkshows streiten sich stets nur Lindner und sein Vize Wolfgang Kubicki:  "Dabei gäbe es mehrere Frauen, die man nach vorne stellen könnte – wie Katja Suding, Marie-Agnes Strack-Zimmermann oder Nicole Westig."

Die 26-Jährige Schröder ist die erste Juli-Vorsitzende seit 25 Jahren. Die Jungorganisation der Jungliberalen gilt als Karriereschmiede, der bisherige Vorsitzende Konstantin Kuhle sitzt inzwischen im Bundestag und gilt dort als aufstrebender Abgeordneter. Schröder arbeitet als Anwältin, studiert nebenbei Kunstgeschichte, ist schlagfertig und setzt sich für eine offene Gesellschaft ein. Konflikte scheut sie nicht. Manche in der Partei setzen große Hoffnungen auf sie.