Schröder spricht auch offen aus, dass sie noch immer ein Problem in den inoffiziellen Teilen der Parteiveranstaltungen sieht: "Viele wichtige Kontakte werden noch an der Theke geknüpft. Davon fühlen sich jüngere Mitglieder und Frauen oft eher abgeschreckt." Auch andere Führungsfrauen sehen das Problem eher in den lokalen Ortsvereinsstrukturen. Die seien sehr männlich geprägt und schreckten so junge Frauen ab – die Parteiführung, die sich unter Lindner bemühe, Frauen in den Vordergrund zu stellen, komme so gar nicht dazu, neue Talente zu entdecken.

Sabine Leutheusser-Schnarrenberger, die seit 1978 Mitglied der Partei ist, beobachtet das Dilemma schon lange. Sie glaubt außerdem, dass der Partei oft attraktive Themen für Frauen fehlen: "Wir müssen uns intensiv damit beschäftigen, wie das, was die FDP inhaltlich als Partei vertritt, von Frauen wahrgenommen wird." Es reiche nicht aus allgemein zu sagen, dass eine Partei für die Vereinbarkeit von Beruf und Familie stehe. "Wir müssen die Erwartungshaltung von Frauen antizipieren."

Damit spricht sie etwas aus, was Angela Merkel auch in der CDU gerade zum Thema gemacht hat: Können Volksparteien noch Volksparteien sein, wenn sie hauptsächlich aus Männern bestehen und die Belange der Frauen gar nicht mehr vorgebracht werden? "Frauen machen in Deutschland die Hälfte der Bevölkerung aus und sind zu mehr als 70 Prozent erwerbstätig", so Leutheusser-Schnarrenberger. Damit seien sie ein unglaublich wichtiger Faktor für die gesamte Entwicklung des Landes, die Wirtschaft und den Wohlstand. "Wenn Frauen sich durch Parteien nicht angesprochen fühlen, entsteht ein Vakuum."

Julis als Vorreiter

Die Ansprache von Frauen muss stärker in den Mittelpunkt rücken, da sind sich erfahrene wie junge FDP-Politikerinnen einig. Die Julis machen vor, wie es gehen kann: Das Team des Bundesvorstands besteht aus mehr Frauen als Männern, die Frauenförderung hat Schröder bei ihrer Jugendorganisation zur Vorstandaufgabe gemacht, bei Veranstaltungen gibt es eine Vertrauensperson, an die sich Frauen wenden können, die sich unwohl oder belästigt fühlen – erstmals gibt es diese Ansprechpartnerin auch beim Bundesparteitag. Zudem bieten die Julis ihren Mitgliedern neue Foren zum Netzwerken an: "Frauen – so sind unsere Erfahrungen bei den Julis – treffen sich nicht so gern abends beim Stammtisch, sondern lieber zum Lunch oder besuchen Wochenendseminare."

Wer Frauen gezielt überzeugt, braucht keine Quote, sagen vor allem junge FDP-Politikerinnen. Andere fordern aber auch genau das, mit Blick darauf, dass sich seit Jahren nichts ändert. Schröder ist überzeugt, dass eine Quote nur die existierenden Probleme überdecken und Frauen auf ihr Geschlecht reduzieren würde. Stattdessen müsse es zur Führungsaufgabe auf allen Ebene gehören, sich um mehr Frauen zu bemühen, sagt Leutheusser-Schnarrenberger. Das müsse sich von Orts- und Kreisverbänden, über die Landesverbände – von denen derzeit nur Hamburg und Bremen weibliche Vorsitzende haben – bis in den Bundesvorstand ziehen: "Wenn man Frauenförderung gezielt zum Thema macht, kann man in der Partei viel bewegen. Dazu muss sich die FDP aber kulturell wandeln und Themen wie Umweltschutz, sichere Nahrungsmittel und Tierwohl – die auch von Frauen erwartet werden – setzen."  

"Ich will keine Quotenfrau sein, die nur nach dem Geschlecht beurteilt wird", sagt auch Gyde Jensen. Sie ist mit ihren 28 Jahren die jüngste Bundestagsabgeordnete. Jensen kommt aus dem schleswig-holsteinischen Landesverband, in dem das Miteinander unter Männern und Frauen nach ihrer Aussage harmonisch ist. Im Bundestag macht sie manchmal andere Erfahrungen – nicht nur aufgrund ihres Geschlechts, sondern auch ihres Alters. Diskreditierende Sprüche, die sie als "Mädchen" kleiner machen sollen, kontert sie: "Mich spornt das eher an, den alten Männern zu zeigen, wo der Hammer hängt und ihnen zu verdeutlichen, dass wir genauso demokratisch gewählt sind wie sie."

Vielleicht hat sie das in der Auseinandersetzung mit dem Landesvorsitzenden Wolfgang Kubicki gelernt, der einst ihr Vorbild dafür war, in die Politik zu gehen. Kubicki, der für sein sehr offenherziges Mundwerk und so manchen Chauvispruch bekannt ist, kann der Frauendiskussion offenbar nicht viel abgewinnen. Er sieht das Problem nicht bei der FDP-Führung, sondern in der weiblichen Natur begründet: "Wir würden die Frauen doch mit Handkuss nehmen. Viele Frauen scheuen die Auseinandersetzung. Wenn Frauen in den Wettbewerb gehen, passiert das häufig untereinander", sagte er dem Spiegel.