An diesem Wochenende kommt die FDP in Berlin zu ihrem ersten Parteitag seit dem Scheitern der Jamaika-Verhandlungen zusammen. Michael Freckmann ist Politikwissenschaftler am Institut für Demokratieforschung in Göttingen und hat mehrere Arbeiten zur FDP veröffentlicht, zuletzt eine Studie zur FDP unter Christian Lindner in Kooperation mit der Otto-Brenner-Stiftung.

In der FDP geht es nun jung, modern, und fortschrittlich zu. Vorbei ist es mit dem vollmundigen Sound von Guido Westerwelle und dem Altherrenhabitus Rainer Brüderles. "Für ein Deutschland der Innovation", so ist der Leitantrag der FDP-Führung zum Parteitag am Wochenende in Berlin überschrieben.

Doch mit ihrem Ausstieg aus den Jamaika-Sondierungen hat die Partei ihren Aufbruchsoptimismus – das Bundestagswahlprogramm hieß: "Schauen wir nicht länger zu" – konterkariert.  Die Freidemokraten stecken in einem Dilemma.

In der Opposition ist es für die FDP schwieriger geworden, Aufmerksamkeit zu erlangen. Zu frisch sind bei vielen Wählern noch die überwiegend negativen Erinnerungen an Westerwelles "schrille" Oppositionsrhetorik oder gar an das Bild der "Spaßpartei" von 2002. Die Klientel der Partei erwartet einen bürgerlich-seriösen Auftritt.

Doch wie genau will die Partei ihre vollmundigen Aufbruchswahlversprechen etwa von "weltbester Bildung für jeden" mit parlamentarischer Kärrnerarbeit in der Opposition in Einklang bringen? Das sind die Fragen, die vor dem Parteitag offen sind.

Sozialliberal ist vorbei

Programmatisch sind die Voraussetzungen eigentlich nicht schlecht. Schon in der außerparlamentarischen Opposition hatte die FDP ihre Profilierungsthemen gegen die große Koalition gefunden: eine traditionell liberale Wirtschaftspolitik, dazu die Bildung und das Großthema Digitalisierung. In der Flüchtlingspolitik versprach sie mehr Stabilität, mahnte die Regierung Merkel, ihr "Chaos" zu beenden. Die FDP erfüllte damit die Funktion des Korrektivs zur Union im bürgerlichen Lager.

Doch der Parteienwettbewerb ist dynamisch. Die Regierungs-Union hat eine gewisse Übung darin, sich die Themen anderer Parteien einzuverleiben. Das kann auch für die Liberalen gefährlich werden.

Als neue Protestpartei wird die FDP zukünftig ebenso wenig auftreten können. Das würden ihr die jungen, urbanen Wählerinnen und Wähler nicht verzeihen, die seit der Bundestagswahl dazugekommen sind. Der liberale Dauerrefrain der zu hohen Steuern und zu starker Bürokratie dürfte für eine breite Wähleransprache ebenfalls nicht ausreichen. Eine eher sozialliberale Entwicklung der Partei ist bereits aus personellen Gründen unwahrscheinlich. Unter Westerwelle ist dieser Flügel sukzessive beschnitten worden; aktuell ist er nicht existent.