Konservative Parteien beginnen ihre Veranstaltungen gerne mit einer Andacht. Bei den Grünen gibt es am Freitagmorgen stattdessen eine Vogelstimmenwanderung. Immerhin ein knappes Drittel der Bundestagsabgeordneten, die sich in dieser Woche in Weimar zu einer dreitägigen Klausurtagung getroffen haben, ist dafür ziemlich früh aufgestanden. Und sie werden belohnt. Nicht nur gewöhnliche Amseln, sondern auch seltenere Arten wie Mönchsgrasmücke, Wacholderdrossel oder Zilpzalp lassen sich in dem Park vor dem Veranstaltungsgebäude belauschen.

Artenschutz ist ein Urthema der Grünen. Es begleitet sie seit ihrer Gründung. Das Gleiche gilt für die kritische Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus. Entsprechend besuchten die Parlamentarier die KZ-Gedenkstätte Buchenwald. Trotz dieser Klassiker auf dem Programm ging es auf der Fraktionsklausur in Weimar weniger um eine Rückschau als um die Frage, welche Rolle die Grünen in Zukunft spielen wollen.

Und da sind die Ziele durchaus hochgesteckt: Die Grünen wollen der Oppositionsführer im Bundestag sein, so die selbstbewusste Ansage der beiden Fraktionschefs Katrin Göring-Eckardt und Anton Hofreiter. Ihre Partei soll die "führende Kraft der linken Mitte" werden. Dass sie zahlenmäßig die wenigsten Abgeordneten aller Fraktionen stellen, stört die beiden dabei nicht. Entscheidend sei vielmehr, die besseren Konzepte vorzulegen, glaubt Hofreiter.

Pestizide um 40 Prozent senken

Vor sich hertreiben wollen die Grünen die Bundesregierung beispielsweise in der Europapolitik, wo diese hinter den im Koalitionsvertrag vereinbarten Zielen zurückbleibe. So fordern sie in einem in Weimar verabschiedeten Beschluss beispielsweise einen Zukunftsfonds für Investitionen. Außerdem soll Europa Steuern erheben und damit ein eigenes Budget aufbauen können, um künftige Konjunkturkrisen abzufedern. Beim Artenschutz verlangen sie, Pestizide in den kommenden vier Jahren um 40 Prozent zu reduzieren. In der Erinnerungskultur fordern sie, auch bislang ausgegrenzte Opfergruppen in das Gedenken einzubeziehen oder Engagement gegen Rechtsextremismus über ein Gesetz zur Demokratieförderung dauerhaft finanziell abzusichern.

Um den Anspruch auf die Oppositionsführerschaft zu untermauern, hat sich die Fraktionsführung allerdings noch etwas einfallen lassen: Themen, die in den vergangenen Jahren neu aufgekommen sind und die in der Gesellschaft besonders kontrovers diskutiert werden, will die Fraktion künftig in sechs "Zukunftslaboren" beackern. Die Grünen wollen so Antworten auf die Großbereiche Flucht/Migration, die soziale Frage, die Digitalisierung, den Umweltschutz, die Verteidigung der Demokratie und die Globalisierung finden.

Diese neue Struktur soll allerdings nicht die bestehenden Organisationsformen wie die thematischen Arbeitsgruppen in der Fraktion mit ihren vielen Sprecherinnen und Sprechern ersetzen. Stattdessen gehe es darum, dass Fachpolitiker unterschiedlicher Couleur von Anfang an gemeinsam an Konzepten arbeiteten. Spätestens bis zum Ende der Legislaturperiode soll es Ergebnisse geben. Damit wollen die Grünen nicht nur die bestehende Bundesregierung inhaltlich stellen. Falls nach der nächsten Wahl eine grüne Regierungsbeteiligung steht, wird das die Grundlage fürs Arbeitsprogramm. Die Antworten sollen also im besten Fall nicht nur theoretisch sein, sondern auch schnell umsetzbar.

Schnelle Ergebnisse

Für die großen Linien schreiben die Grünen ohnehin gerade ein neues Grundsatzprogramm: Das soll für die nächsten 20 Jahre halten. Die Konzepte der Fraktion sind eher für die nächsten drei bis fünf Jahre.

Ein bisschen dürfte Hofreiter und Göring-Eckardt dabei wohl auch die Idee geleitet haben, etwas von dem Schwung mit in die Fraktion zu nehmen, den die neue grüne Parteiführung, Annalena Baerbock und Robert Habeck, bei ihrem Amtsantritt im Januar erzeugt hat.