Man hätte wirklich gerne gewusst, wer im Team von Jan Böhmermann die geniale Idee hatte, Orwells 1984 als Massenbewegungssatireaktion im echten deutschen Leben loszutreten. Schließlich kann es nur so und nicht ernst gemeint sein, wenn ein prominenter Moderator im öffentlichen-rechtlichen Fernsehen politisch Andersdenkende diffamiert und unter Sturmhaube und Stahlhelm dazu aufruft, sie mit "Liebe" zu überschütten.

Wahrscheinlich weil er den Clou nicht durch Erklärung versauen will, schweigt Jan Böhmermann gegenüber der ZEIT zu der Entstehung von Reconquista Internet, ebenso wie die Produktionsfirma seiner Sendung. Oder sie sind einfach bescheiden in dem Business. Sei's drum, dann muss man ihnen eben ohne Bestätigung gratulieren.

Die Aktion Reconquista Internet ist eine im deutschen Fernsehen bislang beispiellose pädagogische Meisterleistung. Denn, mal ehrlich, kann sich irgendjemand vorstellen, dass ein liberaler Geist wie Jan Böhmermann konservative und/oder regierungskritische Twitter-User in einen Topf wirft mit Neonazis? Die Trolle, die sich im Netzwerk Reconquista Germanica zusammengeschlossen haben, haben, wie Böhmermann ganz richtig feststellt, schließlich "nichts mit politischem Diskurs zu tun". Sie haben es verdient, mit ihren eigenen Methoden bekämpft zu werden.

Twitter-Accounts wie die von, sagen wir, Emma Richter, Dushan Wegner oder Roland Tichy sind hingegen hochgradig diskursiv; sie sind provokant, bisweilen emotional und pauschalierend, aber sie verstoßen gegen keine Gesetze. Niemand muss sie mögen. Nur: Ihre Freiheit, sich zu äußern, die muss man in einem von Kant und Grundgesetz geprägten Land halt, ja, lieben. Wer, wenn nicht Jan "Be Deutsch" Böhmermann wüsste das.

"Verrühre und herrsche"

Das Großartige von Reconquista Internet ist deshalb sein aufklärerischer Hintergedanke. Indem auf einer Liste mit über tausend Twitter-Namen Nazis und Nicht-Nazis ganz gezielt miteinander verrührt werden und Böhmermann – natürlich scherzhaft, Leute! – behauptet, sie alle richteten sich gegen die verfassungsmäßige Ordnung, macht der ZDF-Satiriker die Brüchigkeit eben dieser freiheitlichen Demokratie deutlich. Dafür gebührt ihm Dank. Seine erschreckend erfolgreiche Log-in-Aktion, die schnell mehr als 50.000 Mitglieder gewann, führt gerade der jüngeren Generation, die weder die vorletzte noch die letzte deutsche Diktatur erlebt haben, vor Augen, wie einfach und schnell totalitäre Trends cool werden können: Definiere böses Denken weit und gutes Denken eng und behaupte, es gebe viel, viel mehr Feinde einer besseren Menschheit, als man so glaube. Fertig ist die Diskurserstickung.

Böhmermann weiß ganz genau, wovor er da warnt, denn er kennt die einschüchternde Methode "Verrühre und herrsche" aus eigener Erfahrung, mit Freunden der Regierung Erdoğan: Wer regierungskritisch ist, ist ein Terrorist. Donald Trump hat ebenfalls begriffen, dass es gerade im Zeitalter der sozialen Netzwerke Erfolg verspricht, zwischen Andersdenkenden nicht zu differenzieren, sondern sie zu vermengen. Es klickt halt einfach besser.

Die Reconquista-Internet-Liste entlarvt so auf geradezu perfid-gute Weise zwei große Gefahren, die der offenen Gesellschaft drohen. Erstens das üble Prinzip der guilt by association (hier: es reicht, den falschen Twitter-Accounts zu folgen). Und zweitens die Tatsache, dass die Meinungsfreiheit nicht nur durch den Staat, sondern auch durch gesellschaftliche Dogmenkreation eingeschränkt werden kann: Wenn der Preis für eine bestimmte Position der Ausschluss aus der "respektablen" Gruppe ist (hier: alle, die "Liebe statt Hass" wollen), dann äußert man diese Meinung besser nicht.

Wie genau und nach welchen Kriterien die Reconquista-Internet-Liste entstanden ist, damit will sich wie gesagt niemand recht schmücken. Der Datenrechercheur Luca Hammer bestätigt lediglich, eine Twitter-Analyse für Böhmermanns Produktionsfirma btf GmbH in Köln erstellt zu haben, alle anderen Fragen möge man an diese richten. Doch auch dort herrscht Bescheidenheit. Selbst auf wiederholte Nachfrage möchte im Team Böhmermann niemand etwas dazu sagen, wie weit die Meinungsfreiheit ihrer Meinung nach geht. Sie sind einfach zu lieb.