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Am vergangenen Wochenende gab die Migrationsforscherin Naika Foroutan in der taz ein Interview, in dem sie sehr klug und freundlich die Ostdeutschen einlud, doch auch in den Kreis der hiesigen Migranten einzutreten. Also ganz offiziell, sozusagen. "Ostdeutsche sind auch Migranten", sagte sie, weil auch wir diese typischen Erfahrungen wie "Heimatverlust, vergangene Sehnsuchtsorte, Fremdheitsgefühle und Abwertungserfahrungen" gemacht hätten. Mit anderen Worten: Naika Foroutan reichte uns ganz im Sinne der alten Völkerverständigung die Hand.

Als ich das las, bekam ich Gänsehaut. Nicht in einem übertragenen Sinne, sondern tatsächlich und wirklich und echt. Ich ahnte, ich würde dieses Interview als eine andere verlassen als die, die ich war, als ich es zu lesen begann. Denn anders als Woody Allen, der ja bekanntlich keinem Club beitreten würde, der einen wie ihn als Mitglied haben wollte, war ich selbst seit 1989 nicht mehr gebeten worden, irgendeinem Club anzugehören. Es war also eine Premiere.

Ich schickte das Interview drei Freundinnen mit einem, nun ja, ebenfalls ostdeutschen Migrationshintergrund. Die erste schrieb zurück: "Hammer!!!" Die zweite antwortete: "Superinteressant!!" Und die dritte mit einer gewissen Verzögerung: "Ich denke schon den ganzen Tag immer wieder über das Interview nach." Genauso ging es mir seither auch, seit mehr als einer Woche muss ich ständig an dieses Interview denken. So sehr hat es mich berührt. Foroutan sprach etwas aus, was ich auch schon länger dachte und fühlte und dennoch in dieser Klarheit vorher nicht formulieren konnte.    

"Willkommen im Club"

Und weil die Aktivistin Ferda Ataman ihre Einladung in einem Spiegel-Online-Text noch einmal bekräftigte, dachte ich, es wäre nun an der Zeit, darauf zu antworten. Ataman schrieb unter anderem: "Wäre ich Ossi, ich wäre auch wütend. Manchmal habe ich den Eindruck, selbst wir Menschen mit Migrationsblabla werden in den Medien differenzierter dargestellt als Ostdeutsche."

All die Dinge, von denen die beiden erzählten und schrieben, kannte ich nur zu gut. Und ich bin mir fast sicher, sehr viele Ostdeutsche kennen diese Dinge ebenfalls nur zu gut. Naika Foroutan: "Aufgrund meiner Herkunft bin ich mit Vorurteilen konfrontiert. Menschen reagieren oft negativ, wenn sie mitkriegen, woher ich komme." Noch mal Naika Foroutan: "Oder die Reaktion, wenn jemand über Ungleichheit spricht. Jammer-Ossis heißt es bei den Ostdeutschen, Opferperspektive bei den Migranten." Ferda Ataman: "Denn was die Bundesrepublik als Wiedervereinigung glorifiziert, war für viele Ostdeutsche der Downgrade zum Bürger zweiter Klasse. Willkommen im Club, dachte ich."

Bisher aber war es so, dass man als Ostdeutscher mit solchen Beobachtungen dem Rest des Landes als eine Art eingebildeter Kranker galt. Alle Formen von Rassismen wurden und werden immer stärker thematisiert, die Ossiphobie jedoch blieb weiterhin ein Tabu. Die hatten wir uns irgendwie selbst eingebrockt, sie war unsere Schuld. Als Deutsche gehörten wir doch wie selbstverständlich dazu, und wenn wir uns besser benehmen würden, würde das Ossi-Bashing auch von ganz allein wieder verschwinden. Und so litt man an etwas, fühlte etwas, sprach mit anderen Ostdeutschen über etwas, was nur wenige aus der sogenannten Mehrheitsgesellschaft wahrzunehmen schienen. Was man sich nur einbilden konnte. Schließlich seien doch die ostdeutschen Innenstädte heute viel schöner als früher, erwiderte man uns gern und oft. Aber wir sprachen über Kränkung, über Stigmatisierung, auch über Momente von Verachtung, auch über das Gefühl von Marginalisierung. Doch wie schnell musste man sich den Vorwurf gefallen lassen, nichts dafür zu tun, dass zusammenwachsen konnte, was angeblich zusammengehörte. Als könne man solche Dinge einfach herbeireden!

Der innere Aufenthaltsstatus der Ostdeutschen lautet: ungeklärt

Der innere Aufenthaltsstatus der Ostdeutschen lautet seit vielen Jahren nun schon: ungeklärt. Daran haben Angela Merkel als Bundeskanzlerin und Joachim Gauck als Bundespräsident nichts ändern können, so wenig übrigens, wie es Barack Obama gelang, die Spaltung der US-amerikanischen Gesellschaft zu überwinden. Der inzwischen weltberühmte Essayist Ta-Nehisi Coates stellt in einem seiner vielen Texte über den ersten schwarzen Präsidenten einmal sinngemäß die Frage, ob einer wie Obama trotz seiner Präsidentschaft jemals wirklich das Recht hatte, auch öffentlich ein Schwarzer zu sein. Sein Urteil fällt eher skeptisch aus. Angela Merkel trat öffentlich leider nur selten als Ostdeutsche auf. Aber wem ist diese Zurückhaltung vorzuwerfen? Ihr oder nicht eher der Gesellschaft? 

Vielleicht sind auch deshalb nicht wenige meiner Landsleute selbst zu Rassisten geworden. Nicht erst in den letzten Jahren durch Pegida und die AfD, das ist schon lange so. Wir müssen uns nur einmal an die gewalttätigen Übergriffe auf Flüchtlingsunterkünfte in Hoyerswerda, Rostock-Lichtenhagen und an vielen anderen Orten erinnern. Wissenschaftler bezeichnen die Ereignisse von Rostock-Lichtenhagen inzwischen längst als ein Pogrom. Man darf diese Gewalt nicht entschuldigen, man muss diese Gewalt immer bekämpfen. Aber darf man auch einmal fragen: Haben sie vielleicht sogar versucht, den Spieß rumzudrehen? Ferda Ataman jedenfalls stellt diese Frage, soweit ich weiß, zum ersten Mal, wenn sie schreibt: "Könnte die Ostdeutschenfeindlichkeit von damals die Radikalisierung mancher Ossis befeuert haben? Wie stark sind die Ressentiments gegen sie heute eigentlich?" Ich weiß es, ehrlich gesagt, nicht. Aber dass es da eine Art sehr eigenartiger Spiegelung gibt, habe ich auch schon einmal gedacht.

Das Bedürfnis, die eigenen Erfahrungen gespiegelt zu sehen, ist ein sehr menschliches

Meine Gänsehaut also kam daher, dass nun andere Migranten mit ähnlichen Erfahrungen auch unsere in den Blick nehmen, in Worte zu fassen versuchen und dabei klarer sind als wir selbst. Dass sie uns trotz all der Gräben, die die ostdeutschen AfD-Anhänger dauernd auszuheben versuchen, die Hand reichen. Dass sie das tun, obwohl die meisten Opfer der NSU-Morde Migranten waren. Denn das Bedürfnis, die eigenen Erfahrungen in anderen gespiegelt zu sehen, ist ein sehr menschliches. Und wenn ich einmal von mir sprechen darf: Meine Sehnsucht danach war in den vergangenen Jahrzehnten sehr groß geworden.

Ich fand sie vor allem in Freundschaften gestillt. Die meisten meiner Freunde haben irgendein Migrationsblabla, wie Ferda Ataman es so schön beschrieb. Sie sind Ostdeutsche, sie sind Osteuropäer, sie sind Juden und Muslime und Atheisten, aber sie sind alle Eingewanderte und Ausgewanderte – oder sie sind als Westdeutsche mit einer oder einem verheiratet. Sie sind alle Deutsche und mit ihnen, von ihnen habe ich gelernt, dass man im Anderssein sehr viele Gemeinsamkeiten finden kann. Denn für die meisten von ihnen gilt das Gegenteil dessen, was Gesundheitsminister Jens Spahn in der vergangenen Woche auf dem Katholikentag sagte, als man ihn fragte, was Heimat für ihn bedeute: "Heimat ist dort, wo ich mich nicht erklären muss." Genau in diesem Sinne sind nicht nur die Ostdeutschen heimatlos geworden. Mit der freilich eigenartigen Besonderheit, unsere Heimat dafür nicht einmal verlassen zu müssen.

Naika Foroutan sagt zum Ende ihres Interviews: "Wir brauchen in Zukunft mehr strategische Allianzen. Diese Kämpfe gegen die Ungleichheit kann man nicht alleine führen." Und wenn ich das richtig verstehe, dann will sie all diese verschiedenen Allianzen und Vereinbarungen und Freundschaften und Beziehungen, die es zwischen all den "ständigen Ausländern und berufenen Fremden", um es einmal mit dem amerikanischen Historiker Yuri Slezkine zu sagen, im Privaten längst gibt, endlich sichtbar machen. Und vor allem will sie sie in jene Sphäre zurückführen, in der sie unser Land wirklich verändern können: in die Politik. Es gäbe tatsächlich so viel zu tun.