Angelika Nguyen wuchs als Kind einer Deutschen und eines Vietnamesen in der DDR auf. Die Situation der Vietnamesen im Osten hat sie immer wieder thematisiert, unter anderem in ihrem Dokumentarfilm "Bruderland ist abgebrannt" (1992) und in persönlichen Essays. Heute ist Nguyen freie Referentin und Filmkritikerin.

Da war sie wieder, im März dieses Jahres, mit dem Film Das schweigende Klassenzimmer: die westdeutsche Ansprache an die Ostdeutschen. "Warum seid ihr Deppen damals nicht aufgestanden gegen die Diktatur?", hallte es durch viele Kinos. Ich wette, dieser Film schafft es auch in den gesamtdeutschen Geschichtsunterricht. Es ist die ewige Erzählung der Sieger. Seht euch diese tapferen Ost-Schulkinder an, sagt sie. Die setzten sich 1956 gegen die Unterdrückung des DDR-Regimes zur Wehr und fuhren dann mit einem Bus nach Westberlin in die Freiheit. Zurück blieben die Anpasser, die Aufpasser und die Feiglinge. Das war die Aussage des Films.

Wir aus dem Osten schwiegen einmal mehr oder gingen gar nicht erst in diesen Film. Wer immer beim Mauerfall noch auf DDR-Seite angetroffen wurde, war verdächtig, wahlweise zu feige, zu faul, zu undemokratisch oder zu leisetreterisch zu sein. Die grobe Zeichnung des DDR-Images hat sich seit dem Mauerfall gut gehalten. "Da bin ich noch / mein Land geht in den Westen", schrieb Volker Braun 1990 in dem Gedicht "Das Eigentum" über den gesellschaftlichen Umbruch, in den er gerade mitgerissen wurde. Der Vergleich der Situation der Ostdeutschen mit der der Migranten ist also gar nicht so neu. Neu ist, dass ihn die Migrationsforscherin Naika Foroutan entdeckt und weitergegeben hat.

Angelika Nguyen studierte in Babelsberg Filmwissenschaft. 1992 drehte sie den Dokumentarfilm "Bruderland ist abgebrannt" über die Lage vietnamesischer Immigrantinnen und Immigranten im Osten Berlins. 2011 erschien ihr Essay "Mutter, wie weit ist Vietnam?" über den Rassismus in ihrer Kindheit in dem Sammelband "Kaltland". Sie arbeitet als freie Referentin, betreibt gern Filmanalyse und schreibt über Kinostarts, vor allem auf telegraph.cc. Sie ist Gastautorin von "10 nach 8". © Tobias Kunz

Heute, mehr als 28 Jahre nach dem Mauerfall, erkenne ich Ost-Leute immer noch, vielleicht mehr denn je. Es ist ein bestimmtes Sozialverhalten, eine Art, unauffällig und zugleich aufmerksam zu sein, das Geschirr zurückzustellen, sich die Hand zu geben und natürlich die gemeinsame Sprache, die mit den Jahrzehnten nicht verschwunden ist. Manchmal kramen wir Vokabeln unserer ostdeutschen Kindheit aus: Plaste, Kosmonauten, Pittiplatsch der Liebe, das Wolkenschaf, Fahrerlaubnis. Führerschein ging nicht, weil das Wort "Führer" als Sprache des Dritten Reiches galt. Und mit Ostberliner Menschen, egal welchen Berufsstandes, komme ich sowieso schnell in unverfälschtem Berlinerisch ins Gespräch. Dann lasse ich das über die Nachmauerjahre anerzogene Hochdeutsch beiseite und berlinere wie ein Droschkenkutscher. Da ist etwas Vertrautes, ohne Frage. Uns gibt es als Gruppe und ich verteidige sie gegen Klischees.

Rassismus ist ostdeutsches Eigengewächs

Mein Ost-Feeling geht aber nicht so weit, dass ich den ostdeutschen Rassismus als Gegenwehr gegen das westdeutsche Establishment verteidige, wie es zuletzt Jana Hensel auf ZEIT ONLINE tat. Sie vermutete, dass "nicht wenige" ihrer, also auch meiner, Landsleute wegen des "ungeklärten inneren Aufenthaltsstatus" der Ostdeutschen Rassisten geworden sind. Als Tochter einer Deutschen und eines Vietnamesen kann ich ihr versichern: Es gab auch schon vorher nicht wenige Rassisten in der DDR, obwohl sowohl ihr innerer als auch äußerer Aufenthaltsstatus mehr als gesichert galt.

Rassismus und Fremdenfeindlichkeit sind auch ostdeutsches Eigengewächs, und im Treibhaus hinter der Mauer konnte es gut gedeihen. Das wissen mit mir alle aus dem Osten, die anders aussahen als weiß. Es ist komplizierter mit dem Ossisein, wenn man auch noch einen nicht-weißen und nicht nur so einen gerade entdeckten Ossi-Migrationshintergrund hat. Die Grenzen verliefen und verlaufen ja nicht nur zwischen Ost und West, sondern auch mittendrin.

Es begann an meinem ersten Schultag. Die Lehrerin hatte kurz den Raum verlassen, da drängten mich die anderen Erstklässler in eine Ecke des Raumes und skandierten immer wieder ein beleidigendes, antiasiatisches Wort. Sie meinten mich. Das Ganze dauerte nur ein paar Minuten, und als die Lehrerin wieder hereinkam, hatte sie nichts mitbekommen. Dieses winzige Pogrom war der Auftakt für jenen Alltagsrassismus, der mich viele Jahre begleitete, nicht nur in der Schule, auch in öffentlichen Verkehrsmitteln, auf Straßen und Spielplätzen, in Restaurants, Ferienlagern und Ostsee-Erholungsheimen der DDR-Gewerkschaften.