Nils Heisterhagen ist Grundsatzreferent der SPD-Landtagsfraktion in Rheinland-Pfalz und Autor des Buches "Die liberale Illusion.  Warum wir einen linken Realismus brauchen." Der 30-Jährige versteht seine Partei manchmal nicht.

SPD-Chefin Andrea Nahles hat es gewagt, festzustellen, dass Deutschland nicht alle Flüchtlinge aufnehmen kann. Eine Binsenweisheit eigentlich. Der Satz ist nur Ausdruck von Realismus und er ist "Ausdruck einer Selbstverständlichkeit", wie Benedict Neff in der Neuen Zürcher Zeitung zu Recht kommentierte. Man kann sagen: Diese Binse muss man nicht extra wiederholen. Nahles hat es gewagt. Sie wollte damit erklären, warum die SPD die Maghreb-Staaten zu sicheren Herkunftsstaaten erklären will.

Dennoch brach ein Sturm der Entrüstung über sie herein. Patrick Bahners von der eigentlich eher konservativen Frankfurter Allgemeinen Zeitung twitterte: "Macht den Laden dicht, ihr Deppen" – er meinte die SPD. So ging das rauf und runter. Überall wurde Nahles angegangen, als hätte sie gerade ihren Übertritt zur AfD verkündet.

In der Empörung ging unter, dass der Satz von Nahles eine Tatsache beschreibt. Einwanderung muss kontrolliert und beherrschbar sein. Nirgends gilt der lateinische Satz "Ultra posse nemo obligatur" (Über das Können hinaus wird niemand verpflichtet) mehr als in der Migrationspolitik. Das ist der Rahmen für eine realistische und zugleich humane Flüchtlingspolitik.

Aber dieser Realismus ist in Teilen der Linken, genauer in Teilen der Linksliberalen, nicht gewünscht. Sie gestatten keine "Abkehr von der Supermoral", wie es der Chefredakteur der Welt, Ulf Poschardt, in einem Leitartikel schreibt. Er identifizierte eine "linke Bourgeoisie".

Michelle Obama brachte die Hypermoral auf den Punkt

An dem Vorwurf ist etwas dran. Ein Beispiel dafür lieferte Hillary Clinton im US-Präsidentschaftswahlkampf. Sie kanzelte große Teile der Sympathisanten von Donald Trump einfach mal als "Haufen von Erbärmlichen" ab. Michelle Obama brachte die Hypermoral auf den Punkt: "When they go low we go high"  – auch wenn dieser Satz sicher gut gemeint und Ausdruck der Verurteilung von Rassismus sein sollte. Ich nenne diese Haltung postmodernen Liberalismus. Der stellt die individuelle Selbstverwirklichung, Toleranz und Weltoffenheit in den Vordergrund, hypt den Multikulturalismus und wirbt dafür, beinahe jegliche Differenzen zu ertragen.

Das jüngste Beispiel für diesen Moralismus war der Umgang mit den Verantwortlichen der Essener Tafel, die kurzzeitig einen Aufnahmestopp für Flüchtlinge verhängten. Von vielen SPD-Funktionären, von den postmodernen Grünen, aber auch von Angela Merkel, kam sofort eine moralische Ermahnung, anstatt das Problem zu thematisieren, das zu dieser Entscheidung führte. An diesem Beispiel zeigt sich die neue Moralpolitik einer liberalen Elite in Idealform.

So kam es auch zur Ausgrenzung derer, die noch Probleme benennen und eine Politik des gesunden Menschenverstands anbieten wollen. Von so einer Politik auf Augenhöhe werden gerade diese Menschen angesprochen, die die Linke, und ja gerade die SPD, dringender braucht denn je. In einem gelungenen Porträt über Jörg Sartor, den Chef der Essener Tafel, schrieb die ZEIT-Journalistin Mariam Lau: "Wenn die SPD Leute wie Jörg Sartor – einen Nachbarn mit einem Herzen von der Größe Nordrhein-Westfalens – nicht halten kann, dann ist sie verloren." Recht hat sie.

Die Verzweiflung und der Frust bei den eher links-kommunitaristisch denkenden Sozialdemokraten sitzt tief angesichts des "Saubersprechs der Gewinner", wie es der österreichische Philosoph Robert Pfaller nennt, und der moralischen Ermahnungsmaschine, die ihnen aus den linksliberalen Redaktionsstuben und Parteistuben entgegenschlägt. Nachzulesen etwa in dem herausragenden FAZ-Stück von Reiner Burger über die Lage im Essener Norden.

Und genau deswegen muss die SPD nun endlich ihre Position in der Migrations- und Integrationspolitik klären. Die "linken Realisten" – ich glaube, das sind weite Teile der Basis der SPD – fühlen sich vom linksliberalen Hauptstadtestablishment nicht mehr verstanden. Sie fühlen sich belehrt, bevormundet und schlechtgemacht.