Wertekundeunterricht in der Schule? Das klingt erst mal nach einer guten Sache. Niemand kann wohl etwas dagegen haben, dass Kinder und Jugendliche sich im Unterricht mit den grundlegenden Werten des Grundgesetzes auseinandersetzen und lernen, was den Rechtsstaat ausmacht und welche Verpflichtungen er mit sich bringt.

Wer das Papier liest, das die Chefs der Unionsfraktionen aus Bund und Ländern an diesem Montag verabschieden wollen, muss sich dennoch wundern. Denn darin geht es nicht um Schülerinnen und Schüler ganz allgemein, sondern um Flüchtlinge. Bundesweit sollten Rechtsstaatsklassen und Wertekundeunterricht eingeführt werden, "um Flüchtlingen die Werte und Grundregeln unseres Rechtsstaates zu vermitteln", heißt es dort.

Stutzig macht auch ein zweiter Satz: "Sprach- und Wertevermittlung soll der Regelbeschulung vorgeschaltet sein." Waren die Willkommensklassen für Flüchtlings- und andere ausländische Kinder, die es in vielen Bundesländern längst gibt, bisher vor allem dazu da, die Schülerinnen und Schüler sprachlich so fit zu machen, dass sie dem normalen Unterricht folgen können, meint man nun wohl, sie zusätzlich auch noch das Grundgesetz pauken lassen zu müssen, bevor sie am normalen Unterricht teilnehmen können.

Das allerdings ist eine abstruse Idee. Denn auch wenn für Erwachsene ein solcher Unterricht durchaus sinnvoll sein kann: Kinder lernen Werte vor allem in der Praxis, nicht in der Theorie.

Entscheidend ist die Sprache

Wobei ausländische Kinder wirklich Unterstützung brauchen, das ist das Erlernen der deutschen Sprache. Zusätzlich muss im Unterricht ganz allgemein Raum dafür sein, auftretende zwischenmenschliche Konflikte – die mitunter auch kulturell bedingt sind – gemeinsam zu besprechen und zu bearbeiten. Dafür müssen Schulen personell entsprechend gut ausgestattet sein, auch mit Sozialarbeitern.

Was die eher theoretische Wertevermittlung angeht, die sicher auch sinnvoll und notwendig ist, gibt es in der Schule schon jetzt viele Fächer, wo diese stattfindet, und zwar für alle, nicht nur für Flüchtlingskinder. In der Grundschule kann das der Sachunterricht sein, in dem man zum Beispiel darüber sprechen kann, wie Demokratie funktioniert.

An den weiterführenden Schulen sind es Fächer wie Ethik, Geschichte und Gesellschaftskunde, in denen Wertevermittlung stattfindet. Überall dort kann ausführlich darüber diskutiert werden, was unsere Gesellschaft ausmacht und was sie zusammenhält. Wenn sich dann, wie in Hessen, Richterinnen und Richter oder Staatsanwälte und Staatsanwältinnen finden, die dafür in die Schule kommen und den Rechtsstaat anschaulich erklären, umso besser.

Die Idee aber, man müsse ausländischen Kindern eine Extraportion Werte mitgegeben, bevor man sie in normale Klassen integrieren könne, dient in Wahrheit nicht dem Ziel, diesen Kindern das Ankommen in Deutschland zu erleichtern. Es handelt sich um Symbolpolitik für rechte Wähler auf dem Rücken von Flüchtlingskindern. Und das ist schäbig.