Berlins Bürgermeister Michael Müller (SPD) will einen neuen gesetzlichen Feiertag in seinem Bundesland einführen. Schließlich hat Berlin weniger Feiertage als alle anderen Bundesländer. Doch welches Datum soll es werden? Möglich wäre laut Müller etwa der 17. Juni, also der Jahrestag des Volksaufstandes in der DDR, der 8. Mai als Tag der Befreiung von der Nazidiktatur oder der 27. Januar als Holocaustgedenktag. Katja Sinko hat noch eine andere Idee: Kein Tag passt besser als der heutige Europatag (9. Mai), sagt die Studentin und Gründerin der proeuropäischen Kampagne The European Moment im Interview. Zusammen mit Manuel Müller, Autor des Blogs Der (europäische) Föderalist, hat sie eine entsprechende Onlineinitiative gestartet. 

ZEIT ONLINE: Frau Sinko, warum sollte der neue gesetzliche Feiertag des Bundeslandes Berlin ausgerechnet auf den Europatag gelegt werden? 

Katja Sinko: Der Europatag am 9. Mai steht für Weltoffenheit und erinnert daran, dass Frieden, Freiheit und Demokratie in Deutschland keine rein nationale Errungenschaft waren, sondern sich nur in einem europäischen Zusammenhang entwickeln konnten. Zugleich grenzt der Europatag aber auch die Nichteuropäer nicht aus. Die "europäische Idee" von Einheit in Vielfalt ist niemals spaltend gedacht, sondern kann als Grundlage für ein Zusammenleben von Menschen aus aller Welt dienen. Berlin ist als europäische Metropole Symbol dafür. Hier wurde die deutsche und in gewissermaßen auch die europäische Spaltung überwunden. Inzwischen ist Berlin eine internationale Stadt, in der heute fast ein Fünftel der Berlinerinnen und Berliner keinen deutschen Pass hat. Der Europatag verbindet schon heute die Vergangenheit und die Zukunft. Er erinnert zum Beispiel an das Friedensprojekt von Deutschland und Frankreich nach dem Zweiten Weltkrieg, aber auch an die Herausforderungen, die noch vor uns liegen. Das europäische Projekt ist ja bis heute nicht abgeschlossen, wir haben immer wieder neue Krisen. Deshalb ist es wichtig, dass der neue Feiertag in die Zukunft zeigt. 

ZEIT ONLINE: Europa sei langweilig, heißt es immer mal wieder. Oder ein Elitenthema. Der Nationalstaat werde vernachlässigt. Wie überzeugen Sie die Menschen von Ihrem Vorschlag, einen regionalen Feiertag zum europäischen Feiertag machen zu wollen?

Sinko: Nicht alles in der EU läuft gut, aber vielleicht kann man diesen Tag zum Austausch nutzen. Meine Generation hat Europa ganz anders kennengelernt als unsere Eltern und Großeltern. Wir haben viel mehr Freiheiten und führen heute ein ganz anderes, viel internationaleres Leben. Das Ziel unserer Kampagne ist es, die große schweigende Mehrheit zu gewinnen, die für Europa ist und gleichzeitig auch Veränderung möchte. Es wäre gut, wenn es einen Tag gäbe, an dem sie freihaben und ins Gespräch kommen. Als mögliche Termine für den neuen Berlin-Feiertag wurden bereits der Holocaustgedenktag oder der Tag des DDR-Volksaufstands vorgeschlagen. Das wäre eher gedämpftes Denken und kein positives Nachvorneschauen. Der Europatag sollte ein fröhlicher Tag sein.

ZEIT ONLINE: In Berlin wird am Tag der Arbeit am 1. Mai ein großes Straßenfest veranstaltet. Streben Sie so etwas auch für den Europatag an? 

Sinko: Mir geht es eher um den politischen Austausch. Europa sollte nicht nur plakativ gefeiert werden. Klar sollte man die Errungenschaften an solch einem Tag würdigen, aber es geht auch darum, in die Zukunft zu schauen. Wir stehen in der EU politisch an einem Wendepunkt. Jetzt ist es an der Zeit, zu überlegen, wie es weitergehen soll. Wir brauchen den wichtigen Impuls aus der Gesellschaft an die Politik, also die Botschaft: Ja, wir wollen Europa. Mehr Europa zu wollen, reicht aber nicht. Wir müssen überlegen, wie es aussehen soll und was dafür konkret getan werden muss. Der Tag soll zum Kritisieren da sein. Menschen sollen offen sagen, was sie stört und was sie sich für die Zukunft wünschen. In Berlin werden ständig Podiumsdiskussionen zum Thema Europa veranstaltet, aber die breite Bevölkerung erreicht man so nicht. An einem Feiertag wäre das vielleicht anders. Gerade in Hinblick auf die Europawahlen nächstes Jahr wäre es genial, wenn der Feiertag auf den 9. Mai fällt. Denn die Wahlen sind nur ein paar Tage später, und vielleicht würde so ein Bewusstsein geschaffen, das die oft recht niedrige Wahlbeteiligung erhöht. 

ZEIT ONLINE: Sie sammeln nun Unterschriften. Hoffen Sie, damit Michael Müller zu überzeugen? 

Sinko: Wir haben bereits einige prominente Unterstützer wie Gesine Schwan, Robert Menasse, Ulrike Guérot und Martin Speer, den Initiator des FreeInterrail-Tickets, gewonnen. Und wir hoffen auf weitere Unterstützer aus der Zivilgesellschaft, die ebenso überzeugt sind wie wir, dass es für Berlin keinen besseren Feiertag als den Europatag am 9. Mai geben kann. Es kommt nicht häufig vor, dass ein historisch-politischer Gedenktag zum gesetzlichen Feiertag erhoben wird. Dem Land Berlin bietet sich hier die Möglichkeit, ein besonderes Zeichen zu setzen – und damit vielleicht sogar zum Vorreiter für die ganze Europäische Union zu werden.