Der AfD-Fraktionsvorsitzende Alexander Gauland hat die Zeit des Nationalsozialismus in Deutschland relativiert und damit Empörung ausgelöst. "Hitler und die Nazis sind nur ein Vogelschiss in über 1.000 Jahren erfolgreicher deutscher Geschichte", sagte Gauland beim Bundeskongress der AfD-Nachwuchsorganisation Junge Alternative im thüringischen Seebach.

Dieser mit Beifall aufgenommene Satz fiel nach einem Bekenntnis von Gauland zur Verantwortung der Deutschen für den Nationalsozialismus von 1933 bis 1945. Zum wiederholten Mal sorgte die AfD damit durch Thesen zum Umgang mit der deutschen Geschichte für Aufregung.

CDU-Generalsekretärin Annegret Kramp-Karrenbauer schrieb dazu auf Twitter: "50 Mio. Kriegsopfer, Holocaust und totaler Krieg für AfD und Gauland nur ein "Vogelschiss"! So sieht die Partei hinter bürgerlicher Maske aus." SPD-Generalsekretär Lars Klingbeil twitterte: "Das ist eine erschreckende Verharmlosung des Nationalsozialismus. Es ist eine Schande, dass solche Typen im Deutschen Bundestag sitzen." Sätze wie dieser seien "keine Ausrutscher sondern System", schrieb der Grünenvorsitzende Robert Habeck ebenfalls auf Twitter. "Die Kurve der AfD von eurokritisch über ausländerfeindlich zu völkisch ist steil und abschüssig."

"Mehr als nur eine Entgleisung"

Auch Grünenfraktionschefin Katrin Göring-Eckardt übte Kritik: "Es ist ein unfassbarer Schlag ins Gesicht von allen Überlebenden des Holocaust, ihren Nachfahren und Angehörigen", sagte sie den Zeitungen der Funke Mediengruppe. "Unsere deutsche Geschichte hat gezeigt, wie Nationalismus, Hass und Hetze in den Abgrund führen." Der Parlamentarische Geschäftsführer der FDP-Bundestagsfraktion, Marco Buschmann, sagte: "Dieser Vergleich ist eine Geschmacklosigkeit und mehr als nur eine Entgleisung."

Sachsens Ministerpräsident Michael Kretschmer riet in der Auseinandersetzung mit der rechtspopulistischen AfD zu Sachargumenten gemischt mit einem Schuss Ironie. Sachsen habe Erfahrung mit Parteien rechts von der Union. "Die NPD war zwei Mal im sächsischen Landtag. Auf die Aggressivität, das Brechen mit Konventionen und die Lautstärke mussten wir uns da auch erst einstellen",  sagte er der Welt am Sonntag. "Die NPD konnten wir politisch entzaubern, und bei der AfD sind wir auf einem guten Weg."

Der Parlamentarische Geschäftsführer der Linksfraktion, Jan Korte, sagte: "Zwölf Jahre deutsche Geschichte, in denen Deutschland für 55 Millionen Tote im Zweiten Weltkrieg, die industrielle Ermordung von über 6 Millionen unschuldiger Frauen, Männer und Kinder verantwortlich war, als 'Vogelschiss' zu bezeichnen, ist zynisch und geschichtsvergessen." In diesen zwölf Jahren sei Deutschland für den Tod von mehr Menschen verantwortlich gewesen als in allen Epochen zuvor.

"Wir haben eine ruhmreiche Geschichte"

Gauland hatte in Seebach über die NS-Zeit gesagt: "Nur wer sich zur Geschichte bekennt, hat die Kraft, die Zukunft zu gestalten." Und: "Ja, wir bekennen uns zur Verantwortung für die zwölf Jahre." Der Partei- und Fraktionsvorsitzende im Bundestag machte aber auch deutlich, dass das nur ein Teil der deutschen Geschichte sei: "Wir haben eine ruhmreiche Geschichte – und die, liebe Freunde, dauerte länger als die verdammten zwölf Jahre."

Thüringens Partei- und Fraktionschef Björn Höcke, der auch Gast des Bundeskongresses der Jungen Alternative war, hatte im vergangenen Jahr mit der Forderung nach einer "erinnerungspolitischen Wende um 180 Grad" für Debatten gesorgt. Ein Parteiausschlussverfahren gegen Höcke, das noch der alte Bundesvorstand unter der damaligen AfD-Chefin Frauke Petry eingeleitet hatte, ist inzwischen vom Thüringer Schiedsgericht beendet worden. Höcke wird nicht ausgeschlossen.