Naivität ist vor allem dann besonders zählebig, wenn sie sich für furchtbar clever hält. Zum Beispiel im Falle der neuesten "Provokation" von Alexander Gauland. Der AfD-Chef hat in einer Rede die zwölf schlimmsten und auch bedeutendsten Jahre der deutschen Geschichte zu einem "Vogelschiss" erklärt. Sogleich brach in den sozial-journalistischen Medien eine Diskussion darüber los, ob es klug sei, "sein Spiel mitzuspielen". Gaulands Spiel bestünde demnach darin, mit gezielten Tabubrüchen Aufmerksamkeit zu generieren.

Doch so durchschauerisch sich diese Sichtweise auch gibt – dahinter steckt eine ungesunde Menge Naivität. Denn zum einen gibt es keine Instanz, die beschließen könnte, auf seine Provokationen geschlossen nicht zu reagieren. Zum Zweiten ist der Provokationseffekt nur ein Kollateralnutzen von Gaulands systematischer und durchaus nachhaltiger Narrativarbeit. Schließlich besteht sein wichtigstes geschichtspolitisches Ziel (und Geschichtspolitik ist tatsächlich das einzige, was den ansonsten extrem alterswurschtigen Mann interessiert) darin, Deutschland zu einem Nationalstolz zu verhelfen, wie ihn die anderen auch haben, also Frankreich, Großbritannien oder die USA. Dieses Ziel ist innerhalb seines Denkens natürlich völlig plausibel, denn in seiner Welt der wehrhaften, stolzen, egoistischen Nationen kommt man mit einer Aber-Aber-Historie, wie die Deutschen sie pflegen, nicht weit.

Selbstverständlich ist Gauland weder kühn noch dumm genug, die Verbrechen des Nationalsozialismus zu schmälern. Er möchte die Bedeutung der zwölf Jahre relativieren und miniaturisieren. Diesem Ziel diente schon seine "Provokation", stolz sein zu wollen auf die Leistungen der Soldaten der deutschen Wehrmacht im Zweiten Weltkrieg. Seinerzeit ging es darum, abstrakte "Tugenden" vor dem in Sicherheit zu bringen, wozu diese Tugenden konkret verwendet wurden, also zum Morden, zur Vernichtung von Juden.

Zurück hinter Weizsäcker

So ist auch Gaulands jüngste Äußerung zu lesen. Die zwölf Jahre des Nationalsozialismus sollen nicht mehr bedeuten als die rechnerischen 1,2 Prozent von 1000 Jahren. Vor allem sollen sie nicht mehr als Flucht- und Ausgangspunkt dienen, ohne den all die Jahre davor und danach völlig unverstehbar sind.

Das Ziel von Gaulands großer Geschichtsrevision sind aber nicht die zwölf Jahre selbst, sondern das, was nach 1945 damit gemacht worden ist. Er will zurück hinter das Schuldeingeständnis der geschaffenen Bundesrepublik; zurück hinter die Rede von Richard von Weizsäcker, der im Namen des deutschen Volkes die Niederlage im Zweiten Weltkrieges auch als Befreiung interpretiert hat; er will zurück hinter die Wehrmachtausstellung, in der dem deutschen Soldaten seine vermeintliche Unschuld genommen wurde. Das ist Gaulands Projekt. Seine vermeintlichen Provokationen sind nichts anderes als der Versuch, deutsche Geschichte und Geschichtsschreibung radikal umzudeuten.

Die jüngsten Reaktionen auf Gauland sind jedoch noch aus einem anderen Grund naiv. Wenn die liberale, geschichtsbewusste politische Mitte sich vornimmt, nicht mehr um die Provokationen der AfD zu kreisen, während gleichzeitig die ganz Republik nichts anderes tut, als um die Themen dieser Partei zu rotieren, dann zeigt sich darin weniger Entschlossenheit als vielmehr Hilflosigkeit.