Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) hat US-Präsident Donald Trump für seine Entscheidung, die Zustimmung zur Abschlusserklärung des G7-Gipfels zurückzuziehen, kritisiert: "Die Rücknahme per Tweet ist natürlich ernüchternd und auch ein Stück deprimierend", sagte Merkel in der ARD-Sendung Anne Will. Die Bundesregierung halte aber an dem Papier fest, es sei beschlossen und rechtskräftig.

Die Kanzlerin saß bereits im Flugzeug zurück nach Berlin, als Trump am Samstag über Twitter der zuvor mühsam ausgehandelten Abschlusserklärung zum Gipfeltreffen seine Unterstützung entzog. Der Schritt des US-Präsidenten mache die Lage nicht einfacher, sagte die Kanzlerin. Dennoch werde sie die Gespräche mit ihm fortsetzen, etwa im Juli beim Nato-Gipfel in Brüssel. Die Entscheidung Trumps habe sie darin bestärkt, sich noch mehr für eine einheitliche, starke Europäische Union einzusetzen, sagte Merkel.

Europa müsse sein Schicksal mehr in die Hand nehmen und seine Werte selbst verfechten, gegebenenfalls mit Japan. Auf die USA dürften sich Deutschland und Europa nicht mehr "leichtfertig" verlassen. Ein Ende der Partnerschaft mit den USA sah Merkel trotz der Politik Trumps nicht. Es gebe gute Gründe, weiter für die transatlantische Partnerschaft zu kämpfen.

Wie der kanadische Ministerpräsident Justin Trudeau kündigte auch Merkel erneut EU-Gegenmaßnahmen zu den US-Einfuhrzöllen auf Stahl und Aluminium an: "Wir lassen uns nicht ein ums andere Mal über den Tisch ziehen", sagte sie. Das gelte auch, wenn Trump seine Drohung wahr mache, Strafzölle auf den Import besonders deutscher Autos zu verhängen. "Dann müssen wir uns wieder überlegen, was wir tun."

Deutlich distanzierte sich Merkel von Trumps Politikstil des "America first" ohne Rücksicht auf internationale Bündnisse und Verträge. Sie glaube an "Win-win-Situationen" durch Zusammenarbeit, betonte die Kanzlerin. "Manchmal habe ich den Eindruck, der amerikanische Präsident glaubt daran, dass immer nur einer gewinnt und der andere verliert." Sie betonte jedoch, sie sehe trotz des Verhaltens von Trump kein Ende der G7-Gipfel.

Kanzlerin nimmt Verantwortung im Bamf-Skandal auf sich

Die Kanzlerin sagte zudem, sie übernehme die politische Verantwortung für die aktuell diskutierten Missstände beim Bundesamt für Migration und Flüchtlinge  (Bamf). "Ich mache es mir nicht leicht. Ich bin für die Dinge politisch verantwortlich", sagte Merkel. In der außergewöhnlichen Situation 2015 habe man auch ein Ministerium wie das Innenressort nicht mit so einer Aufgabe alleinlassen können. Deshalb habe sie damals Kompetenzen danach im Kanzleramt konzentriert. Man hätte das Bamf aber früher auf die große Zahl an zu bearbeitenden Fällen vorbereiten müssen.

Merkel wies allerdings den Vorwurf zurück, dass es damals das Ziel "Schnelligkeit vor Gründlichkeit" gegeben habe. Es habe in einer Vielzahl von Runden mit den Ministerpräsidenten den Wunsch gegeben, die Anträge schneller zu bearbeiten. Auch die Länderinnenminister seien vorübergehend damit einverstanden gewesen, dass etwa syrische Antragsteller keine mündlichen Prüfungen mehr zu durchlaufen hatten. Dennoch wies Merkel mehrfach darauf hin, dass sie keine Verantwortung abschieben wolle. Sie stehe zu der Entscheidung, 2015 in einer humanitären Ausnahmesituation die Grenzen nicht geschlossen zu haben.

Als Konsequenz aus dem Mordfall Susanna F. forderte Merkel, abgelehnte Asylbewerber schneller abzuschieben. Der Fall zeige, wie wichtig es ist, dass Menschen ohne Aufenthaltsstatus schnell ein Verfahren bekommen und "dann auch schnell wieder nach Hause geschickt werden können", sagte Merkel. Für sie sei zudem die Lehre aus diesem "abscheulichen Mord", schnell die von der großen Koalition vereinbarten Ankerzentren bundesweit einzurichten, fügte Merkel hinzu. In diesen Zentren sollen Asylbewerber für die gesamte Dauer ihres Verfahrens bleiben und im Falle einer Ablehnung direkt von dort abgeschoben werden.

Merkel erwartet Zustimmung Italiens zur Verlängerung der Sanktionen gegen Russland

Merkel sagte, sie erwarte, dass die neue italienische Regierung der Verlängerung der EU-Sanktionen gegen Russland zustimmen wird. Beim G7-Gipfel habe sie sich auch mit dem neuen Ministerpräsidenten Giuseppe Conte getroffen. Sie denke, dass Italien "im Einvernehmen mit dem, was es in Kanada gesagt hat", handeln wolle, sagte Merkel. In der G7-Erklärung hätten sich alle sehr klar für eine Fortführung der Sanktionen ausgesprochen.

"Ich kann mir das vorstellen, dass Russland wieder dazukommt", sagte Merkel zu dem Vorschlag von Conte und Trump, Russland wieder in die G7 aufzunehmen. Dazu brauche es aber Fortschritte bei der Umsetzung des Minsk-Abkommens zur Befriedung des Konflikts in der Ostukraine.

Auf die Frage, ob sie trotz ihrer Kritik am russischen Präsidenten Wladimir Putin zu Spielen der deutschen Mannschaft bei der Fußball-WM in Russland reisen werde, sagte Merkel, dies könne gut sein. Solche Reisen verstießen nicht gegen ihre Prinzipien. Falls sie nach Russland fahre, könne sie dies vielleicht sogar zu politischen Gesprächen nutzen – ohne solche werde man in Konflikten überhaupt keine Lösung finden.

Merkel verteidigte auch die wegen ihrer Fotos mit dem türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdoğan in die Kritik geratenen Fußballnationalspieler Mesut Özil und İlkay Gündoğan. "Ich glaube, die beiden Spieler haben nicht bedacht, was das Foto auslöst", sagte Merkel. Sie habe es sehr berührend empfunden, dass Gündoğan trotzdem gesagt habe, er spiele gerne für Deutschland und sei gerne Mitglied der Nationalmannschaft. Gündoğan und Özil gehörten zur Nationalmannschaft, "und deshalb würde ich mich freuen, wenn mancher Fan auch klatschen könnte".