Wird es Angela Merkel schaffen? Wird sie ihren Gegnern wieder einmal entkommen? Eine erste Antwort auf diese Frage wird es kommenden Sonntag geben. Da treffen sich mehrere EU-Staaten, um über die Flüchtlingspolitik zu beraten. Eingeladen hat Jean-Claude Juncker, der Präsident der EU-Kommission. Der inoffizielle Grund für das Treffen ist der innenpolitische Streit in Deutschland um die Migration. Merkel braucht dringend Ergebnisse, um die CSU ruhig zu stellen. Und sie will europolitische Lösungen und keine nationalen Alleingänge in der Flüchtlingspolitik. Aus gutem Grund: Sie könnten das Ende der EU bedeuten.

Was also kann Merkel am Sonntag erreichen?

Es ist viel von den bilateralen Abkommen die Rede. Verwiesen wird dabei vor allem auf eines, das Italien und Frankreich 1997 geschlossen haben. Das Abkommen von Chambéry soll verhindern, dass Migranten, die sich illegal in Italien aufhalten, ungehindert nach Frankreich weiterreisen können. Die französischen Behörden schieben illegale Migrantinnen und Migranten rigoros wieder nach Italien ab. Allein letztes Jahr waren es 56.000. Innenminister Seehofer dürfte das gefallen. Nur ist es so, dass trotz dieses Abkommens Italien und Frankreich sich immer wieder heftig streiten. Italien fühlt sich durch die harte Haltung Frankreichs benachteiligt.

Warum sollte die italienische Regierung nun mit Deutschland ein Abkommen nach diesem Muster schließen? Dafür gibt es keinen Grund, außer Merkel kann der Regierung in Rom mehr bieten. Doch ist es nicht einfach zu sagen, was die Regierung in Rom wirklich will.

Matteo Salvini, Innenminister und starker Mann der Regierung, weiß wie er den Preis hochjagen kann. Seit er im Amt ist, redete er nur über Migration, Migration, Migration. Er hat einen nationalen Notstand herbeigeredet. Bei den Wählern kommt die Radikalisierung gut an. Laut Umfragen liegt Salvinis Partei Lega inzwischen bei 32 Prozent Zustimmung.

Es geht also darum, einen Mann, der seinen Erfolg auf der Radikalisierung der Flüchtlingspolitik aufgebaut hat, davon zu überzeugen, einer Deeskalierung zuzustimmen. Keine einfache Aufgabe, schon gar nicht für eine Kanzlerin, die so schwach ist wie noch nie in den mehr als zwölf Jahren ihrer Amtszeit.

Um vier Dinge wird es am Sonntag wohl hauptsächlich in Gesprächen mit den Italienern gehen: finanzielle Unterstützung, Übernahme einer bestimmten Zahl von Flüchtlingen, stärkeren Grenzschutz und Asylzentren außerhalb der EU. Möglich, dass dies die italienische Regierung zufriedenstellt.

Die EU ist nicht erfolglos

Merkel kann freilich auch darauf verweisen, dass die EU in Sachen Migration nicht so erfolglos ist, wie es die Radikalisierer gerne darstellen. Im Jahr 2017 betrug die Zahl der Asylsuchenden in der EU nach Angaben der europäischen Asylagentur 728.470, im Jahr zuvor waren es noch 1,3 Millionen gewesen, und im Jahr 2015 waren es knapp 1,5 Millionen. Das ist das Ergebnis eines Bündels an Maßnahmen, sie reichen vom sogenannten Flüchtlingsdeal der EU mit der Türkei über den besseren Grenzschutz bis hin zum verstärkten Engagement der Union in Afrika. Auch bei der Reform des europäischen Asylsystems ist einiges vorangegangen. Wenn sie gelingt, dann werden Asylverfahren beschleunigt und Abschiebungen forciert. Außerdem wird erschwert, dass sich Asylbewerber ihr Zielland danach aussuchen, wo sie die besten Chancen auf Anerkennung haben, von der EU als "Asyl-Shopping" bezeichnet. Alles Dinge, die von den Kritikern der gegenwärtigen Praxis zur Recht eingefordert werden.

Es hakt bei der Reform freilich an einem entscheidenden Punkt: an der Verteilung der anerkannten Flüchtlinge und an dem, was man im EU-Jargon stable responsibility nennt, der Frage also, wie lange ein Staat für einen Flüchtling verantwortlich ist, bevor er umverteilt werden kann.

Doch angesichts der Fortschritte in den anderen Bereichen könnte Merkel dafür werben, diesen Weg – den europäischen – weiterzugehen. Die Unterstützung des französischen Präsidenten Emmanuel Macron ist ihr dabei gewiss.

Merkel kann mit Geschick und viel Entgegenkommen einiges aus Brüssel mitbringen.

Aber was auch immer sie erreicht, es wird wenig wert sein, wenn ihre Gegner sich dazu entschlossen haben, sie aus dem Amt zu jagen – und damit sind nicht nur ihre innenpolitischen Gegner gemeint.