Ein Mann steht zitternd neben seinem Škoda mit slowakischem Kennzeichen, um ihn herum fünf Polizisten. "Sie zittern so, machen Sie mal den Kofferraum auf", sagt der Polizist, der bereits Führerschein und Fahrzeugpapiere begutachtet. Über die Gepäckablage ist eine graue Plane gebreitet, sie ist durch die Heckscheibe zu sehen. Was darunter liegt, ist verborgen.

Die Polizisten und der Slowake stehen in einem etwa acht Meter hohen Zelttunnel an der Grenze zwischen Deutschland und Österreich. Die Hitze staut sich unter dem Zelt, links davon rauscht die Autobahn 8 vorbei. Durch die Zelteinfahrt sieht man die Schlange aus Autos, die sich an diesem Samstag langsam den Walserberg hoch zum Grenzübergang schiebt, ein paar Container des provisorischen Grenzübergangs, links von der Autobahn einen Puff. Hinter der Zeltausfahrt sieht man diejenigen davonfahren, die nicht zur Kontrolle rausgezogen wurden, sie beschleunigen wieder.

Die Polizisten heben im Škoda die Plane an. Im Kofferraum liegen aufgetürmt Plastikbeutel, Kühltaschen, Reisetaschen. In der ersten Tasche finden sie unter einer Schicht Taschentücher und Handtücher rumänische Zigarettenpackungen. Auch die drei Mitfahrer des Slowaken steigen jetzt aus: Sie sind aufgeflogen, das kann länger dauern. Die fünf Polizisten packen Tasche für Tasche aus, finden erst 50, dann 100 und letztlich mehr als 200 Schachteln. Nach einer Viertelstunde haben sie alle rot-weißen Packungen vor sich aufgestapelt. Es sind mehr, als man mit nach Deutschland nehmen darf – das kostet 200 Euro Strafe. Die Polizisten fotografieren sich gegenseitig vor dem Zigarettenberg, Daumen nach oben, Grinsen im Gesicht. Auf die Frage, ob hier gerade das Spannendste passiert sei, was sie heute erlebt haben, nickt einer mit dem Kopf.

Seit Beginn der Flüchtlingskrise 2015 kontrolliert die Bundespolizei wieder die Grenzübergänge zu Österreich. Manche sporadisch, andere durchgehend, so wie hier an der A 8. Der Verkehr staut sich, doch meistens passiert nicht viel. Zwei Polizisten stehen an der Straße, zeigen vor allem bei Autos mit osteuropäischen Kennzeichen, bei Sprintern und Kleinbussen nach rechts, sie sollen abbiegen zum Kontrollzelt. Die Polizisten prüfen die Papiere, Kofferraum auf, Kofferraum zu, alles klar, weiterfahren.

Freie Fahrt nach dem Grenzübertritt nach Deutschland, im Hintergrund das Dorf Anger © Simon Koy für ZEIT ONLINE

Wenn noch viele Flüchtlinge kämen, würden sie auffallen

Dazwischen stehen die Beamten in Grüppchen zusammen. Sie zeigen sich gegenseitig Fotos oder Videos auf ihren Handys, lachen darüber, die Schnellschussgewehre hängen ihnen dabei locker über der Brust. Einmal hätten sie einen Drogenschmuggler mit Crystal Meth und ohne Führerschein erwischt, sagt der Landespolizist. Von dieser Geschichte erzählt er gerne. Weil da mal wirklich was passiert ist.

Wenn man ihn nach Flüchtlingen fragt, die hier über die Grenze wollen, hat er weniger zu erzählen. Seit Januar ist er am Grenzübergang stationiert, seitdem hätten sie kein einziges Mal einen Flüchtling aufgegriffen, sagt er. Zumindest nicht während seiner Schichten. Auch an diesem Samstag haben die Beamten keinen Flüchtling gefunden, der nach Deutschland geschmuggelt werden sollte. Weder in einem Reisebus noch in einem Sprinter oder Kombi.

Dabei dürften sie zum Beispiel schon jetzt diejenigen zurückweisen, die bereits abgeschoben wurden und versuchen, unerlaubt erneut einzureisen. Im Schnitt hat die Bundespolizei seit Januar 2017 monatlich rund hundert solcher Fälle registriert: an Grenzübergängen, Flughäfen und Häfen. Bundesinnenminister Horst Seehofer (CSU) will künftig auch jene Asylbewerber an der deutschen Grenze abweisen, die bereits in anderen EU-Ländern registriert sind. Kanzlerin Angela Merkel (CDU) ist dagegen, die Koalition droht zu zerbrechen.

Seehofer heizt den Asylstreit zu einem Zeitpunkt erneut an, an dem die Grenzpolizisten kaum Flüchtlinge aufgreifen und die Obergrenze von 200.000, auf die sich CSU und CDU geeinigt hatten, noch gar nicht droht, überschritten zu werden. Zwischen Januar und April 2018 sind laut Bundespolizei 14.731 Menschen unerlaubt nach Deutschland eingereist. Vielleicht – so vermutet der bayerische Polizist, der den Škoda nun wieder auf die Autobahn fahren lässt – auch an der grünen Grenze rund um die A 8. Auch dort patrouillieren Polizisten in Zivil. Auch da könne man nicht einfach durchlaufen, sagt er.

Direkt an so einer grünen Grenze liegt zum Beispiel Freilassing, eine Kleinstadt, die seit Kurzem die 17.000-Einwohner-Marke überschritten hat. Wenn wirklich noch viele Flüchtlinge kommen würden, würden sie hier auffallen.