Angela Merkel kann erst einmal durchatmen. Am Nachmittag steht die Kanzlerin im Foyer der CDU-Parteizentrale in Berlin und muss anders als noch am Wochenende erwartet nun doch nicht den Bruch der Fraktionsgemeinschaft von CDU und CSU, die Entlassung ihres Innenministers oder gar ihren eigenen Rücktritt erklären.

"Ich habe ein starkes Verhandlungsmandat von der CDU für den anstehenden EU-Gipfel bekommen", sagt sie stattdessen. Kurz zuvor hat der Vorstand ihrer Partei beschlossen, dass Merkel sich bis Ende Juni um bilaterale Vereinbarungen mit den europäischen Staaten bemühen soll, aus denen Flüchtlinge weiter nach Deutschland reisen, obwohl ihr Asylgesuch eigentlich dort vor Ort geprüft werden müsste. So sollen die von der CSU verlangten Zurückweisungen von Flüchtlingen an der deutschen Grenze doch noch möglich werden.

"Wer Europa kennt, weiß, dass das nicht einfach wird", sagt Merkel. Sie sieht trotz ihres leuchtend hellroten Jacketts grau und müde aus. Die Strapazen der vergangenen Tage, als eine Krisensitzung die nächste jagte, sind sichtbar nicht an ihr vorübergegangen.

Und doch: Fürs Erste ist sie nun mal wieder gerettet.

Kurz nachdem Merkel in Berlin auftritt, geht auch CSU-Chef Horst Seehofer, ihr Widersacher der vergangenen Tage, in München vor die Kameras. Er hat der Kanzlerin einige Minuten Vortritt gelassen, bevor er sich in diesem Fernduell nun aus der bayerischen Landeshauptstadt zu Wort meldet.

Vier Stunden hatte der Vorstand seiner Partei zusammengesessen und einhellig den folgenden Kurs befürwortet: Der Bundesinnenminister darf notfalls auch gegen den Willen Merkels die Bundespolizei beauftragen, Flüchtlinge an der deutschen Grenze abzuweisen, wenn sie bereits in einem anderen europäischen Land registriert sind. Doch Seehofer will damit nicht sofort beginnen, sondern Merkel eben noch ein paar Tage Zeit für eine europäische Lösung geben.

Eine Frage des Stils

Diesen Aufschub von knapp zwei Wochen hatte die CSU am Wochenende noch abgelehnt, was dem Streit in den Unionsparteien die besondere Dramatik verliehen hatte. Doch von Drama ist am Morgen in der Parteizentrale in einem Münchner Gewerbegebiet plötzlich nichts mehr zu spüren. "Wir stehen, wir sind entschlossen", sagt der bayerische CSU-Ministerpräsident Markus Söder zwar in die Kameras.

Söder hatte vor wenigen Tagen noch im Fernsehen das "Ende des Multilateralismus" verkündet, also nationalen Alleingängen das Wort geredet. Jetzt betont er plötzlich: "Wir sind begeisterte Europäer" und sowieso brauche es ein paar Tage, bis Abweisungen an der deutschen Grenze vorbereitet seien. Dann eilt er in den mit Jalousien blickdicht gemachten Konferenzraum im Erdgeschoss.

CSU-Chef Seehofer erklärt den Schwenk seiner Partei später so: Zuletzt habe sich die Diskussion nur noch darauf verengt, ob es guter Stil sei, Merkel nicht einmal 14 Tage Zeit zu geben, um eine europäische Lösung zu finden. "Es soll an den stilvollen Bayern nicht scheitern", sagt Seehofer, alles andere hätte man ihm als "engstirnig" ausgelegt. Auf Bitten der Kanzlerin habe er freundlicherweise die Frist eingeräumt. Und doch habe sich der Streit zwischen den Unionsparteien im Kern gar nicht um die Zeitfrage gedreht: "Es geht um einen grundlegenden Dissens", nämlich den, dass die CDU sich einer nationalen Lösung versperrt.

Die CSU will ihren Bürgern vor der Landtagswahl im Herbst zeigen, dass sie für eine strengere Flüchtlingspolitik kämpft. Auch inhaltlich fühlt sie sich im Recht: 57 Prozent der Deutschen halten die Flüchtlingspolitik der Kanzlerin nach einer jüngsten Umfrage für falsch.  Allerdings sind sie unentschieden, wer die größere Lösungskompetenz in der Frage habe: 41 Prozent der Befragten befürworten Merkel, 38 Prozent Seehofer.

Auch in der CDU-Fraktion hat die Seehofersche Lösung des nationalen Alleingangs viele Fans. Zuletzt gab es dort aber eben auch Unmut, wie mit Merkel umgegangen wurde. Für bürgerliche Parteien ist der "gute Stil" und das ausführliche Reden über Konflikte eben auch eine "Frage des Anstands", wie es Seehofer beschreibt. Zumal die CSU auch kein Interesse daran haben dürfte, als eiskalter Merkel-Killer in die Geschichte einzugehen – ohne einen wirklichen Plan B, was auf einen möglichen Kanzlerinnen-Rücktritt oder Bruch der Koalition denn folgen solle.