Viele Frauen im Bundeswirtschaftsministerium ärgern sich über die Personalpolitik von Wirtschaftsminister Peter Altmaier. Damit ist er nach Innenminister Horst Seehofer schon der zweite Bundesminister, der von den Frauen seines Hauses dafür kritisiert wird, dass er nicht genug für die Gleichstellung tut. Nach Informationen von ZEIT ONLINE haben 180 weibliche Beschäftigte und Führungskräfte diese Woche einen Protestbrief an Altmaier geschrieben. Sie bemängeln, "dass der Anteil der Frauen in verantwortungsvollen und herausgehobenen Positionen bisher nicht zunimmt". Das Ministerium bestätigte auf Nachfrage, dass Altmaier den Brief am Mittwoch erhalten hat.

In dem Brief erinnern die Mitarbeiterinnen den Minister an seine Antrittsrede im Bundeswirtschaftsministerium vom März 2018. Darin habe er sein Engagement für eine "gleichberechtigte Teilhabe von Frauen und Männern an Leitungsfunktionen im öffentlichen Dienst bis 2025" während der Koalitionsverhandlungen hervorgehoben. Doch offenbar unternimmt Altmaier nur wenig, um dieses Ziel im eigenen Ministerium umzusetzen. Aktuell sind nur zwei von zehn Abteilungsleitungen und einer von fünf Staatssekretärsposten mit Frauen besetzt. Die Unterzeichnerinnen des Briefes wollen ihren Chef deshalb "ermutigen und unterstützen, diese Situation zu verbessern". Sie machen Altmaier darauf aufmerksam, dass die Auswahl an "klugen, engagierten und vernetzten Frauen" im Bundeswirtschaftsministerium riesig sei.

Häme für die Minister

"Ich habe mich über den Brief gefreut", sagte Altmaier ZEIT ONLINE. Die berufliche Gleichstellung von Frau und Mann sei ihm "schon lange ein Anliegen". Deshalb habe er seit seinem Amtsantritt im Bundeswirtschaftsministerium eine Staatssekretärin, eine Abteilungsleiterin und zwei Referatsleiterinnen ernannt. Weitere Beförderungen von Frauen zu Unterabteilungsleiterinnen würden folgen, kündigte Altmaier an: "Es ist mein erklärtes Ziel, diesen Weg hin zu einem ausgewogenen Verhältnis von Frauen und Männern weiter zu beschreiten."

Aula des Wirtschaftsministeriums heißt jetzt Ludwig-Erhard-Saal. Ob’s hilft? pic.twitter.com/gypGv73IuF

— Andreas Mihm (@amihm) 15. Juni 2018

Vor wenigen Tagen hatte Altmaier wegen eines Fotos viel Häme über sich ergehen lassen müssen. Das Bild zeigt, wie zwei junge Frauen in weißen Etuikleidern das neue Namensschild der Aula des Wirtschaftsministeriums enthüllen. Altmaier steht auf dem Bild mit den Händen in den Hosentaschen am Rand und schaut zu.

Ähnliche Reaktionen hatte kürzlich Altmaiers Kabinettskollege Horst Seehofer erlebt. Sein Ministerium veröffentlichte ein Foto der neuen Führungsriege des Bundesinnenministeriums. Darauf waren um Seehofer herum acht Männer aufgereiht, aber keine einzige Frau. Wenig später kritisierte auch die Gleichstellungsbeauftragte des Bundesinnenministeriums den Minister für seine Personalentscheidungen, bei denen zu wenige Frauen in Führungsämter befördert worden seien. Kurz darauf protestierten dann die Gleichstellungsbeauftragten aller obersten Bundesbehörden sogar bei Bundeskanzlerin Angela Merkel.

Merkel hatte versprochen, dass die Hälfte der Bundesregierung weiblich sein werde. Allerdings hatte sie dieses Versprechen nur auf die Ministerämter bezogen.

Zählt man alle Staatssekretärinnen, Abteilungsleiterinnen, Unterabteilungsleiterinnen und Referatsleiterinnen im Bundeswirtschaftsministerium zusammen, dann sind dort aktuell knapp 30 Prozent aller Leitungsposten mit Frauen besetzt. Ein paar wenige Stellen sind derzeit noch offen, Altmaier könnte seine eigene Frauenquote noch etwas verbessern. Doch auch dann wäre das Ministerium noch weit von der gleichberechtigten Teilhabe entfernt, die sich die Bundesregierung selbst als Ziel gesetzt hatte. Denn in ihrem Koalitionsvertrag verpflichtet sie sich, "im Einflussbereich des Bundes eine gezielte Gleichstellungspolitik" voranzutreiben. Vor allem der "Anteil von Frauen in Führungspositionen und in Gremien" soll damit erhöht werden. Darauf soll seit Jahren auch das Bundesgleichstellungsgesetz hinwirken.

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