Wie der Asylstreit in der Union ausgeht, hängt nicht allein von der CSU ab. Ob sie weiter Ultimaten stellt, die Union verlässt oder nachgibt – in jedem möglichen Szenario spielt die Bundeskanzlerin und CDU-Chefin Angela Merkel eine entscheidende Rolle. Und wie Merkel sich verhalten wird, hängt davon ab, ob ihre Partei ihr folgt und wie weit. Beides schien in den vergangenen Wochen nicht immer klar.

Als Merkel vor zwei Wochen vor die Unionsfraktion trat, bestimmte eine ungeplante Debatte zum Thema Asyl die Tagesordnung. Ein Dutzend Abgeordneter meldete sich. Kein einziger, auch nicht aus Merkels CDU, sprach sich für die Kanzlerin aus. Sie alle unterstützen Innenminister Horst Seehofer und seinen Plan der Zurückweisungen an der Grenze. Für Merkel war die Stimmung ein Schock.

Wenige Tage später war die Lage eine andere. Die CSU verrannte sich verbal und drohte mit Alleingängen. Merkel legte einen Kompromissvorschlag vor: bilaterale Abkommen und parallel eine Suche nach einer europäischen Lösung. Außerdem sollen Flüchtlinge mit Einreisesperre abgewiesen werden können. Die Bundestagsabgeordneten der Union tagen wieder. Diesmal allerdings getrennt nach CDU und CSU. Und Merkel erfährt Zustimmung.

Was war passiert? Ein Parteistratege sagt: Es sei ein Fehler gewesen, nicht von Anfang an Merkels Befürworter in die öffentliche und innerparteiliche Debatte einzubinden. Man habe die Stimmung unwidersprochen eskalieren lassen, bis das Grummeln bedrohlich wurde. Denn Merkel hat Unterstützer an allen wichtigen Stellen in der Partei. Ein Überblick über die entscheidenden Figuren:

Wolfgang Schäuble

Bundestagspräsident Wolfgang Schäuble © Michael Kappeler/dpa

In der getrennten Fraktionssitzung ergriff Schäuble als erster CDU-Politiker das Wort. Er hielt ein Plädoyer für den Kurs der Kanzlerin. Schäuble warnte vor einem Auseinanderbrechen Europas und setzte damit den Ton für die folgende Fraktionsdebatte. Der Präsident des Bundestags ist der dienstälteste Parlamentarier. Sein Wort hat Gewicht. Das nutzt er auch in Interviews für Merkel. Er könne es sich erlauben, vermeintlich linke Merkel-Positionen zu vertreten und trotzdem bei den Konservativen der Partei nicht an Ansehen zu verlieren, sagt ein Abgeordneter: "Sein Konservativsein steht ja völlig außer Zweifel."

Volker Bouffier

Hessens Ministerpräsident Volker Bouffier © John Macdougall/AFP/Getty Images

Bouffier sitzt im Präsidium der CDU, er ist sogar einer von Merkels fünf Stellvertretern. Im Herbst will er sich in Hessen erneut zum Ministerpräsidenten wählen lassen. Er könnte also versucht sein, aktuellen Stimmungen nachzugeben und sich von Merkel abzusetzen. Das macht Bouffier aber nicht. Er ist einer ihrer wichtigsten Verbündeten. Am Abend vor der getrennten Fraktionssitzung hatte Merkel Seehofer zum Krisengipfel geladen. Der brachte Markus Söder als Unterstützung mit, Merkel Bouffier. Die Runde endete trotzdem ergebnislos.

Annegret Kramp-Karrenbauer

CDU-Generalsekretärin Annegret Kramp-Karrenbauer © Sean Gallup/Getty Images

Die Saarländerin gilt als Statthalterin Merkels. Ihre Besetzung als Generalsekretärin war ein Coup für die Parteichefin. Kramp-Karrenbauer zahlt das in Form von Loyalität zur Chefin zurück. Sie kümmert sich um die Koordination im Bundesvorstand und -präsidium – die Parteigremien, von denen sich Merkel stets Rückhalt für ihren Kurs holt. Und sie sorgt sich darum, dass in der Partei die Stimmung nicht kippt. Sie tourt seit Wochen, schon vor dem Asylstreit, durch Deutschland und horcht in kleinteiligen Parteiveranstaltungen auf die Sorgen und Themen der Basis.

Armin Laschet und Daniel Günther

Daniel Günther und Armin Laschet © Kay Nietfeld/dpa

Die beiden CDU-Ministerpräsidenten haben eben erst Wahlen gewonnen und jeweils eine SPD-Regierung abgelöst. Das macht selbstbewusst und ist eine inhaltliche Bestätigung. Beide gelten als liberale Kräfte in der CDU und sind inhaltlich ganz bei Merkel. In Interviews stellen sie sich immer wieder hinter ihre Vorsitzende. Armin Laschet, der das bevölkerungsreichste Bundesland NRW regiert, griff jüngst sogar die CSU an – obwohl der liberale Flügel sonst eher unbissig auftritt. Er drohte mit einer Ausdehnung der CDU nach Bayern.

Volker Kauder

Unionsvorsitzender Volker Kauder © Silas Stein/dpa

Die Autorität des Unionsfraktionschefs speist sich aus ähnlichen Quellen wie die von Wolfgang Schäuble: Er ist länger dabei als die meisten und weiß, wie man Mehrheiten in der Fraktion besorgt. Ohne ihn geht es nicht. Viele werfen Merkel vor, kaum Überzeugungen zu haben. Für Kauder gilt das Gegenteil. Er ist gläubiger Christ. Er stimmte gegen die Ehe für alle. Trotzdem gibt es zwischen ihm und seiner Parteichefin keine Zwischentöne. Wann immer es darauf ankommt, steht er für sie ein – und macht auch die Nörgler in der Fraktion rund.

Günther Oettinger

EU-Kommissar Günther Oettinger © Sean Gallup

Oettinger ist zwar nicht die entscheidende Figur im Unionsstreit. Als EU-Währungskommissar ist er aber ein Mahner für den Zusammenhalt in Europa. Er kritisiert die Eskalationsstrategie der CSU.

Die CDU-Minister

Peter Altmaier, Ursula von der Leyen und Helge Braun © Michael Kappeler/dpa

Ihre Bundesminister weiß Merkel zu großen Teilen hinter sich. Auf Wirtschaftsminister Peter Altmaier und Kanzleramtsminister Helge Braun kann sie sich verlassen. Auch Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen versucht den Unionsstreit nicht eskalieren zu lassen und ist bemüht, das Thema runterzukochen. Der Einzige, der nicht bedingungslos hinter Merkel zu stehen scheint, ist Gesundheitsminister Jens Spahn. Im Asylstreit hält er sich aber zurück. Kalkül oder Überzeugung?

Merkels Gegner

Junge-Gruppe-Vorsitzender Mark Hauptmann © Monika Skolimowska/dpa

Insgesamt folgt die Partei Merkel, wenn auch nicht mehr so bedingungslos wie noch vor wenigen Jahren. Nur vereinzelte Abgeordnete sehen ihre Flüchtlingspolitik kritisch. Da wäre etwa die sogenannte Junge Gruppe – Abgeordnete von CDU und CSU, die zum Eintritt jünger sind als 35. Ihr Vorsitzender Mark Hauptmann gilt als konservativer Kritiker. Aber keiner von ihnen würde allein wegen einer Meinungsverschiedenheit in Sachen Asyl offen gegen die Kanzlerin rebellieren.

Die Ministerpräsidenten aus Sachsen und Sachsen-Anhalt, Michael Kretschmer und Reiner Haseloff, sprachen sich für Zurückweisungen aus. Das war aber noch, bevor Merkel ihren Kompromissvorschlag mit den bilateralen Abkommen unterbreitete. Seitdem ist es ruhiger geworden in der Partei und der Fraktion. Der thüringische CDU-Chef, Mike Mohring, gilt als einer, der die Union gerne wieder etwas weiter nach rechts rücken würde. Aber auch er mahnt die Union zu Geschlossenheit. Und Geschlossenheit heißt derzeit: Merkel muss bleiben.

Viele in der CDU treffen derzeit eine Abwägungsentscheidung, selbst diejenigen, die nicht überzeugt sind von Merkel. Denn Merkel hat sich bewegt und Kompromissvorschläge vorgetragen, die im Ergebnis auf das Ziel der parteiinternen Kritiker hinauslaufen. Und je apokalyptischer die Drohungen der CSU, desto entschlossener versammelt sich die Partei dann doch hinter Merkel – der Garantin für Stabilität und Sicherheit.