Die Fußball-WM in Russland ist gestartet. Auch wenn der Austragungsort hoch umstritten ist und der Skandal darum, dass die deutschen Spieler Özil und Gündoğan mit dem türkischen Präsidenten posierten, den Wettkampf überschattet: Viele in Deutschland freuen sich auf die WM, haben ihre Autos und Balkone in Nationalfarben geschmückt – auch in den Supermärkten gibt's wieder fast alles in Schwarz-Rot-Gold. Ist das okay, vor dem Hintergrund unserer Geschichte? Und wie sehr steht das Turnier für Toleranz, Offenheit und Multikulti? Darüber haben Cordula Eubel und Stephan Haselberger für den "Tagesspiegel" mit Bundestagsvizepräsidentin Claudia Roth gesprochen. Das ganze Interview mit der Grünen-Politikerin lesen Sie hier.

Frage: Frau Roth, lassen Sie uns über Fußball und Patriotismus sprechen. Haben Sie sich schon mal eine Deutschlandfahne auf die Wange geschminkt?

Claudia Roth: Noch nie, das ist nicht so mein Ding. Aber ich habe bei der Weltmeisterschaft 2006 zum ersten Mal meinen Balkon beflaggt.

Frage: Claudia Roth flaggt Schwarz-Rot-Gold?

Roth: Nein, ich habe eine schöne Regenbogenfahne. Das ändert aber nichts daran, dass ich ein großer Fan des deutschen Fußballs bin.

Frage: Es gab ja Zeiten, in denen es unter linksalternativen Menschen regelrecht verpönt war, der deutschen Nationalmannschaft zuzujubeln...

Roth: Natürlich darf man sich freuen, wenn die deutsche Mannschaft gut spielt und gewinnt. Und ich will auch niemandem verbieten, ein Fähnchen aufzuhängen. Ich finde aber, dass es uns Deutschen gut zu Gesicht steht, wenn wir Zurückhaltung walten lassen mit der nationalen Selbstbeweihräucherung.

Frage: Was spricht denn dagegen, dass sich die Deutschen ein paar Wochen lang während der Fußballweltmeisterschaft selbst feiern?

Roth: Habe ich gesagt, wir sollten nicht feiern? Von meinen Eltern habe ich nur gelernt, dass es keine Gnade der späten Geburt gibt. Über Jahrzehnte haben wir in einem breiten demokratischen Konsens geschafft, uns der deutschen Geschichte zu stellen. Das hat uns stark gemacht und uns im Ausland hohe Anerkennung verschafft. Nun gibt es mit der AfD eine Partei, die einen Schlussstrich ziehen will. Eine Partei, die auch die deutsche Fahne instrumentalisiert, um Ausgrenzung gegenüber Menschen zu signalisieren, die in ihren Augen nicht dazugehören. Das lässt sich nicht einfach so ausblenden, das sollten wir im Blick haben. Deshalb: Feiern ja, Nationalismus nein.

Habe ich gesagt, wir sollten nicht feiern?
Claudia Roth, Bundestagsvizepräsidentin über die Fußball-WM

Frage: Die WM bringt hierzulande Menschen zusammen, die sonst wenig bis nichts miteinander zu tun haben. Vielleicht finden sie es ja ganz schön, sich für die Zeit des Turniers als Gemeinschaft, womöglich sogar als Angehörige einer Nation zu erleben.

Roth: Richtig ist: Beim Fußball ist es egal, welche soziale Herkunft du hast oder welche Hautfarbe. Fußball ist auch deshalb so attraktiv, weil er Identifikation bietet und man Emotionen ausleben kann. Gemeinsam.

Frage: Was für ein Deutschland verkörpert die Nationalmannschaft für Sie?

Roth: Die Nationalmannschaft ist Spiegelbild unserer multikulturellen und multireligiösen Gesellschaft. So ist inzwischen auch Deutschland: bunt und vielfältig, mehr Regenbogen, mit Namen wie Kroos und Werner, aber eben auch Khedira und Boateng.

Frage: Erwarten Sie von der Mannschaft, dass sie für die Werte der Bundesrepublik einsteht?

Roth: Natürlich, wie von allen anderen auch. Das heißt nicht, dass sich jeder Spieler täglich politisch äußern muss, aber wer es will, soll es dürfen. Und, bevor Sie nachfragen: So ähnlich halte ich es auch mit dieser leidigen Debatte über die Nationalhymne. Wer singen will, soll singen. Wer sich vorm Spiel still konzentrieren will, soll sich konzentrieren. Man kann auch ein guter Nationalspieler sein, ohne die Hymne zu singen und die Hand aufs Herz zu halten. Umso mehr in Zeiten, da manche die Nationalhymne wieder in drei Strophen singen.

Wer singen will, soll singen.
Claudia Roth über die Nationalhymne vor Fußball-Spielen

Frage: Sollte das Team von Jogi Löw die Menschenrechtsverletzungen in Russland ansprechen?

Roth: Jogi Löw und seine Mannschaft sind nicht dafür verantwortlich, dass die WM in Russland stattfindet. Diese skandalöse Entscheidung hat die Fifa getroffen, die ihre Vergabekriterien dringend überarbeiten muss. Der Fußball darf nationalistischen Autokraten keine Bühne geben.

Frage: Sie selbst wollen nicht zur WM fahren. Was bringt das?

Roth: Als Fußballfan habe ich es immer genossen, im Stadion zu sein. Aber ich will mich nicht für eine Inszenierung des russischen Präsidenten einspannen lassen. Dass der ARD-Doping-Experte Hajo Seppelt nicht nach Russland fahren kann, weil seine Sicherheit bedroht wäre, ist ein Skandal, den die Bundesregierung schonungslos zur Sprache bringen muss.

Frage: Wäre es besser, wenn alle deutschen Politiker dem Turnier fernblieben?

Roth: Jede und jeder muss das selbst entscheiden. Als Bundestagsvizepräsidentin erwarte ich aber von den Abgeordneten des Deutschen Bundestages eine klare Haltung: Wenn sie sich vor Ort ein Spiel anschauen, sollten sie auch unsere Werte offensiv vertreten.

Frage: Wie?

Roth: Indem sie sich nicht als Kulisse für die Inszenierung der russischen Regierung zur Verfügung stellen, die Menschenrechte massiv verletzt, sondern sich mit Oppositionellen treffen, mit Organisationen von Schwulen, Lesben und Transsexuellen, mit Journalistinnen und Journalisten.

Frage: Und die Kanzlerin?

Roth: Die Kanzlerin sollte sich gut überlegen, welche Bilder sie produzieren will. Jubeln mit Putin – das geht gar nicht. Wir müssen in Russland für Demokratie und Menschenrechte eintreten. Das erwarte ich von der Regierung und das wünsche ich mir ein Stück weit auch von unserer Mannschaft.

Frage: Haben die Nationalspieler İlkay Gündoğan und Mesut Özil gegen diese Werte verstoßen, als sie kürzlich mit dem türkischen Präsidenten Erdoğan für ein Foto posierten?