Am 24. Juni wählt die Türkei einen Präsidenten und ein Parlament. Eine wichtige Rolle könnten die türkischen Wähler in Deutschland spielen, die bis zum heutigen 19. Juni ebenfalls abstimmen dürfen. Ahmet Toprak, deutsch-türkischer Professor für Erziehungswissenschaften an der Fachhochschule Dortmund, geht in diesem Gastbeitrag der Frage nach, warum so viele Türken in Deutschland für Recep Tayyip Erdoğan stimmen.

Als Recep Tayyip Erdoğan im April 2017 über seine neue Verfassung für die Türkei abstimmen ließ, erhielt er dafür 63 Prozent der Stimmen von Türken in Deutschland. Das ist ein bemerkenswertes Wahlverhalten: In der Türkei selbst wählten nur 51,4 Prozent Erdoğan.

Auch bei der türkischen Präsidentschaftswahl, die in Deutschland noch bis zum heutigen Dienstag läuft, erwarte ich ein ähnliches Ergebnis. Aber warum? Warum entscheiden sich die wahlberechtigten Türkeistämmigen für einen Machthaber, der die Demokratie, Menschen- und Bürgerrechte sowie Versammlungs- und Minderheitenrechte einschränkt? Zumal genau diese Gruppe von einer funktionierenden Demokratie profitiert.

In Deutschland leben ca. drei Millionen türkeistämmige Migranten, von denen knapp 1,4 Millionen wahlberechtigt sind. Davon wiederum stimmten bei den letzten Wahlen allerdings nur knapp die Hälfte tatsächlich ab. Der überwiegende Teil der türkeistämmigen Migranten ist infolge der Gastarbeiteranwerbung der Sechziger- und Siebzigerjahre nach Deutschland eingewandert. Weil die Integration der ersten Gastarbeitergeneration weder gewünscht noch vorgesehen war, spricht diese Generation immer noch rudimentär Deutsch. Ein Großteil der Gastarbeiter wurde aus konservativen Städten Zentralanatoliens und der Schwarzmeerküste – den heutigen Hochburgen der AKP-Regierung – angeworben. Diese sogenannten bildungsbenachteiligten und konservativ-frommen Schichten haben über Generationen hinweg den gewünschten Bildungsaufstieg in Deutschland nicht geschafft.

Das Herz in der Türkei

Die Gruppe bleibt in der Regel in den eigenen Milieus verhaftet. Die Türkei bleibt ihre Heimat, auch wenn viele von ihnen in Deutschland geboren sind. Das heißt, diese Gruppe ist traditionell nationalistisch eingestellt und wählt konservativ. Blumiger formuliert: Der Körper ist zwar in Deutschland, aber das Herz und die Seele sind in der Türkei. Im Umkehrschluss heißt es aber auch nicht, dass Bildungsaufstieg und gelungene Integration eine Garantie für ein anderes Wahlverhalten darstellen. Denn auch die Bildungsaufsteiger des konservativen Milieus fühlen sich ideologisch Erdoğan und seiner Politik nah, sind eloquent, reflektiert, wählen aus Überzeugung Erdoğan und werben für ihn in sozialen Netzwerken und in der Nachbarschaft.

Seit den gesellschaftlichen Modernisierungsbestrebungen, die 1923 mit der Republikgründung begannen, vor allem durch die Einführung des Laizismus, wurden die Interessen der fromm-religiösen Schichten in der Öffentlichkeit nicht vertreten. Im Gegenteil: Religion sollte privat bleiben und der Staat sollte sich nicht einmischen. Das Modell des Laizismus wurde in der Türkei zwar nicht so konsequent angewendet wie in Frankreich. Aber die frommen Schichten haben sich über Jahrzehnte lang diffamiert, verletzt und ausgeschlossen gefühlt. Bis Erdoğan im Jahr 2002 an die Macht kam.