Auf den ersten Blick wirkt es, als wäre nichts geschehen. Die Reihen des Bundestags sind mittelvoll, normal für einen Freitagnachmittag. Bundesinnenminister Horst Seehofer hat in der ersten Reihe der Regierungsbank Platz genommen, dritter Stuhl von rechts. Neben ihm, der Platz der Kanzlerin, ist frei. Alexander Dobrindt läuft zwischen den Abgeordneten der Unionsfraktion hin und her und verteilt Handshakes. Der Bundestag ist zu einer Aktuellen Stunde zum Thema Flüchtlingspolitik zusammengekommen. 

Dabei ist nichts normal derzeit in der Union. Am Vorabend hatte die CSU-Landesgruppe auf einer Sitzung beschlossen, im Zweifel mit einem Alleingang des Innenministers Flüchtlinge an der Grenze abzuweisen, die schon in einem anderen EU-Land einen Asylantrag gestellt haben. Bundeskanzlerin Angela Merkel lehnt das strikt ab und will lieber bilaterale Abkommen. Würde sich Seehofer über Merkel, also der CSU-Chef über die CDU-Chefin, hinwegsetzen, könnte das die Koalition und die Fraktionsgemeinschaft platzen lassen. Merkels Kanzlerschaft wäre wohl am Ende.

Inzwischen hat das Streitthema eine Eigendynamik entwickelt, die die Union selbst kaum mehr kontrollieren kann. Jedes falsche Wort kann zur nächsten Krise führen. Gelegenheiten gibt es dazu am Freitag gleich mehrere.

Längst versucht auch die Opposition, daraus Kapital zu schlagen. Zweimal bringt die FDP das Streitthema in den Bundestag. Die Aktuelle Stunde zur Flüchtlingsfrage hatten die Liberalen schon am Montag, also vor der großen Eskalation des Unionsstreits, beantragt. Die Verabschiedung des Gesetzes zum Familiennachzug stand ebenfalls lang fest.

Aber die FDP hat nun ihren Antrag zum Familiennachzug, der am Vormittag im Parlament diskutiert wird, noch mal geändert. Jetzt steht da ein Zusatz mit drin, der eigentlich mit Familiennachzug nichts zu tun hat: Flüchtlinge, die schon anderswo einen Asylantrag gestellt haben, sollen an der Grenze zurückgewiesen werden. Das ist genau das, was die CSU will. Ein durchschaubarer Versuch – im politischen Berlin in anderen Konstellationen gang und gäbe –, die Union an ihrer derzeitigen Sollbruchstelle auseinanderzureißen und möglichst viele CSU-Abgeordnete dazu zu bringen, gegen ihre Koalitionsraison zu stimmen.

Das misslingt diesmal immerhin deutlich. 73 Stimmen bekommt der FDP-Antrag. Also weniger als die insgesamt 80 Abgeordneten, die sie selbst im Bundestag sitzen hat. Aber wie oft wird das zerstrittene Bündnis noch solche Sticheleien aushalten? Wie lange noch, bis ein gefrusteter Christsozialer auf den Koalitionszwang pfeift?

Seehofer ist ungewohnt dünnhäutig

Vier Stunden später die Aktuelle Stunde. Und: Wieder wirkt es, als wäre nichts gewesen. Detlef Seif, Innenpolitiker der CDU, sagt, er habe schon 2015 die Möglichkeit gefordert, dass "grenzpolizeiliche Maßnahmen ergriffen werden" können. Die Politik müsse entscheiden, wer nach Deutschland kommen dürfe. Da klatscht die ganze Fraktion, auch das Merkel-Lager. Wie auch bei dem mahnenden Hinweis: Die aktuelle Lage sei kein Grund, alle politischen Regeln zu vergessen.

Und so ist es auch, als wenig später der CSU-Mann Michael Kuffer hinters Rednerpult tritt. Er lästert erst mal über die SPD. Wo die regiere, in Berlin und Brandenburg, gebe es ja keinen einzigen Abschiebehaftplatz.

Im Parlament lässt die Union keine Risse erkennen. Den aktuellen Streit will keiner im Plenum groß ausbreiten. Man klatscht aufrichtig für den Redner der jeweiligen Schwesterpartei.

In der CSU hatte sich einiges angestaut

Der Streit geht woanders weiter. Am Morgen hatte sich die CDU-Generalsekretärin Annegret Kramp-Karrenbauer in einem Brief an die Parteimitglieder gewandt und darin vor nationalen Alleingängen gewarnt. Diese könnten Europa spalten. Sie wirbt offen für Merkels Kurs. Nur wenig später antwortet der CSU-Chef. In der Süddeutschen Zeitung sagt Seehofer, die CDU sei es gewesen, "die mit der Flüchtlingsentscheidung 2015 die Spaltung Europas herbeigeführt hat". Und weiter: "Frau Kramp-Karrenbauer stellt uns als Provinzfürsten aus Bayern hin, die die europäische Idee nicht verstanden haben." So dünnhäutig hat man die sonst so selbstbewussten Bayern selten erlebt.

Da bricht gerade vieles heraus, was sich über mehrere Jahre in der CSU aufgestaut hat, auch wenn das derzeit noch keiner öffentlich so thematisiert. Nachdem die FDP 2013 aus dem Bundestag geflogen war, hatte sich das Gefühl breitgemacht, von Merkel kaputt regiert worden zu sein. Nicht ganz so schlimm, aber doch ähnlich geht es manchem in der CSU. Nicht vergessen ist etwa, wie groß das Grummeln in Bayern war gegen Merkels Eurorettungskurs, gegen den Mindestlohn oder den Atomausstieg. Bislang wurde das übertüncht von ordentlichen Wahlergebnissen. Das ist inzwischen vorbei. Auch deshalb pumpen die Christsozialen derzeit eine einfache Sachfrage auf zum grundsätzlichen Glaubensstreit.