Verbunden mit Kritik an bisherigen linken Positionen zur Migrationspolitik werben die Fraktionsvorsitzende der Linken, Sahra Wagenknecht, und der Dramaturg Bernd Stegemann für ein neues linkes Bündnis. In einem Beitrag für die ZEIT – mit dem Titel "Unser Plan für eine Sammlungsbewegung" – sprechen sie von Doppelmoral in der Migrationspolitik. Dieser müsse sich ein neues linkes Bündnis entgegenstellen.

Wagenknecht wirbt bereits seit einiger Zeit für die neue politische Initiative und hatte als Startpunkt einst den September genannt. Das Bündnis soll ihr zufolge ein Angebot für Menschen sein, "die früher einmal SPD oder auch Grüne gewählt haben". Ihre beiden Parteivorsitzenden Katja Kipping und Bernd Riexinger lehnen die Idee ab, weil sie fürchten, die Linkspartei damit überflüssig zu machen. Auch der frühere Fraktionschef Gregor Gysi findet die Idee eigentlich vernünftig, wie er der Berliner Zeitung sagte. Sie sei aber problematisch, "weil wir schon längst Gesprächskreise mit Unzufriedenen etwa bei den Grünen oder bei der SPD haben".

Wagenknecht und Stegemann verweisen in ihrem Beitrag für die ZEIT hingegen auf ähnliche Bewegungen in Spanien und Frankreich, die die Politik dort erfolgreich mitbestimmen. "Überall dort, wo ein neuer linker Aufbruch gelingt, sieht die politische Rechte schnell so alt aus, wie sie es verdient", schreiben sie und fragen: "Sollten das nicht hinreichende Gründe dafür sein, auch in Deutschland eine überparteiliche Sammlungsbewegung zu starten, die zusammenführt, was bisher getrennt agiert?"

Die Spitzenpolitikerin und der Theatermacher plädieren vor allem für eine andere linke Migrationspolitik, die, anders als die bestehende, nicht länger diejenigen vernachlässige, die ohnehin an den Rand der Gesellschaft gedrängt würden. "Dass inzwischen mehr Arbeiter und Arbeitslose AfD wählen als SPD (oder Linkspartei), sollte jedem progressiven Geist schlaflose Nächte bereiten", schreiben Wagenknecht und Stegemann. Stattdessen, so beklagen sie, pflegten weite Teile der Linken "ihr eigenes gutes Gefühl in einer Willkommenskultur, um dann die realen Verteilungskämpfe in ein Milieu zu verbannen, das sich weit weg vom eigenen Leben befindet".

Eine bessere linke Politik zeichne sich jedoch durch die Bereitschaft aus, "auch und gerade denjenigen in der Gesellschaft zu helfen, die selbst schon an den Rand gedrängt sind". Bestand habe derzeit aber eine im Kern "absolute moralische Forderung: Kein Mensch ist illegal, die Grenzen müssen offen für alle sein, die kommen wollen, und jeder, der kommt, hat Anspruch auf die landesüblichen Sozialleistungen, so lange er keine Arbeit findet".  

Den Vorwurf, diese Abwägung spiele Arme und Flüchtlinge gegeneinander aus, weisen Wagenknecht und Stegemann genauso zurück wie die Kritik, sich mit dieser Position zum "Büttel der AfD" zu machen. Zum einen ignorierten solche Vorwürfe "die Realität, in der genau diese Kämpfe stattfinden, egal ob sie den Politikern genehm sind oder nicht". Zum anderen sei insbesondere der Vorwurf der AfD-Kungelei eine "gefährliche" Ausgrenzung: "Denn wie nennt man den Nazi, wenn jeder ein Nazi ist, der nicht meiner Meinung ist?"